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Hohe Belastungen dominieren

Hohe Belastungen dominieren

15.11.2011 +++ ver.di hat die Mitglieder des Fachbereiches Postdienste, Speditionen und Logistik im Frühjahr dieses Jahres zu ihren Arbeitsbedingungen und ihren Ansprüchen an „Gute Arbeit“ befragt. Die Ergebnisse liegen nun vor. Wir berichten hier über die Aspekte, die den Mitgliedern besonders wichtig sind, und fassen die Ergebnisse zu den Fragen nach Belastung und Erreichen des Rentenalters zusammen.

Grundlage für die schriftliche Befragung der Mitglieder des Fachbereiches Postdienste, Speditionen und Logistik waren die vom DGB-Index „Gute Arbeit“ entwickelten Fragen. Den DGB-Index gibt es seit einigen Jahren. Er ist ein professionell entwickeltes und erprobtes Instrument zur Erfragung der Arbeitssituation von Beschäftigten.

Aus der Gesamtheit aller erwerbstätigen Mitglieder des Fachbereiches wurden per Zufall insgesamt 4000 Adressen ausgewählt und die Mitglieder angeschrieben. 1049 Mitglieder haben in dem Befragungszeitraum von März und April den Fragebogen beantwortet zurückgeschickt. Das entspricht einem Rücklauf von 26,2 Prozent. In der repräsentativen Umfrageforschung wird in der Regel die Zahl von 1000 Befragten angestrebt. Bei dieser Fallzahl kann davon ausgegangen werden, dass die Stichprobe ein Abbild der Gesamtheit ist. Ein Vergleich der Struktur aller Mitglieder mit der Struktur der befragten Mitglieder zeigt, dass sich beide Gruppen weitestgehend entsprechen. Das gilt für die Prozentanteile von Frauen und Männern, die Verteilung auf die einzelnen Altersgruppen, die Anteile von Tarifbeschäftigten und Beamten sowie ob in Voll- oder Teilzeit gearbeitet wird. Zusammen mit der erreichten Fallzahl von über 1000 Befragten können damit die Ergebnisse als insgesamt repräsentativ eingestuft werden.

Der DGB-Index erfragt nicht nur, wie die Arbeitsbedingungen sind, sondern er erkundet auch, welche Ansprüche die Beschäftigten an gute Arbeit haben. So wurden die Mitglieder unter anderem gefragt, was ihnen besonders wichtig ist. Es gibt vier Aspekte, die den Mitgliedern des Fachbereiches sehr wichtig sind, also oberste Priorität genießen. Diese vier Kernansprüche an die Arbeitsqualität sind: Erstens ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Das ist für 91 Prozent der Mitglieder sehr wichtig. Zweitens ist für 84 Prozent der Mitglieder ein berufliches Einkommen, das einen angemessenen Lebensstandard ermöglicht, sehr wichtig. An dritter Stelle steht der respektvolle Umgang bei der Arbeit. Das ist für 83 Prozent der befragten Mitglieder sehr wichtig. Vierte Kernanforderung ist für die befragten Mitglieder, dass der Gesundheitsschutz bei der Arbeit beachtet wird. Das stufen 81 Prozent als sehr wichtig ein.

Arbeitsfähigkeit bis zur Rente

Wie schätzen die Beschäftigten ihre derzeitige Tätigkeit mit Blick auf das Erreichen des Rentenalters ein? Gibt es Unterschiede in Abhängigkeit von der jeweiligen Tätigkeit und welchen Einfluss haben körperliche und psychische Belastungen? Die Arbeitswelt der Beschäftigten in den Bereichen von Postdiensten, Speditionen und Logistik ist industriell geprägt. Sendungsvolumina, Bearbeitungsfenster, Maschinenlaufzeiten prägen Lage und Umfang von Arbeitszeiten, vielfach verrichten die Beschäftigten körperlich schwere Arbeit. Psychische Belastungen kommen hinzu. Können sich die Beschäftigten vorstellen, ihre derzeitige Tätigkeit unter den momentanen Arbeitsanforderungen unter Einbeziehung ihres Gesundheitszustandes bis zum Rentenalter auszuüben? Über die Hälfte der befragten Beschäftigten (59 Prozent) geht davon aus, dass sie unter den derzeitigen Arbeitsanforderungen ihre Tätigkeit nicht bis zum Rentenalter ausüben kann.

Bei der Bewertung der persönlichen Arbeitsfähigkeit bis zur Rente spielt vor allem die Tätigkeit eine maßgebliche Rolle. Schließlich entscheiden die Arbeitsanforderungen mit darüber, wie lange die Beschäftigten ihrer Arbeit nachgehen können – und diese Anforderungen können zwischen den Tätigkeitsfeldern stark variieren. Beschäftigte mit kaufmännischen oder administrativen Aufgaben zeigen sich im Vergleich mit ihren Kolleginnen und Kollegen in anderen Tätigkeitsfeldern deutlich optimistischer, dass sie unter den derzeitigen Anforderungen ihre Tätigkeit bis zum Rentenalter ausüben können. Die Hälfte der befragten Beschäftigten hält dies durchaus für wahrscheinlich, ein Drittel meint, dies voraussichtlich nicht zu schaffen. Ganz anders sehen dies die Zustellerinnen und Zusteller. Drei Viertel der befragten Beschäftigten im Zustellbereich können sich nicht vorstellen, ihre derzeitige Tätigkeit bis zum Rentenalter ausüben zu können. Lediglich neun Prozent sehen in den momentanen Arbeitsanforderung kein Hindernis, das Rentenalter in der Tätigkeit zu erreichen. Auch bei den Fahrern und Fahrerinnen sowie bei den Beschäftigten im Bereich des Lagers, der stationären Bearbeitung und in der Verteilung gehen über die Hälfte, nämlich jeweils 52 Prozent der Befragten davon aus, ihre derzeitige Tätigkeit nicht bis zum Erreichen des Rentenalters ausüben zu können.

Die Bewertung des persönlichen Arbeitsvermögens von Beschäftigten steht in Verbindung mit der Beschaffenheit der Arbeitsaufgaben und der Gestaltung des Arbeitsplatzes. Haben die Beschäftigten in ihrem bisherigen Berufsleben unter schweren körperlichen und/oder psychischen Belastungen gearbeitet? Die Ergebnisse der Befragung zeigen für die Beschäftigten der einzelnen Tätigkeitsgruppen deutliche Unterschiede (siehe Grafik oben). Die höchsten Anteile an Mehrfachbelastungen sind für Fahrerinnen und Fahrer, die Zustellerinnen und Zusteller sowie die Beschäftigten im Lager, in der stationären Bearbeitung und der Verteilung festzustellen. In diesen Bereichen finden sich auch relativ hohe Anteile an Beschäftigten, die bisher meist ausschließlich unter schweren körperlichen Bedingungen gearbeitet haben. Ein deutlich anderes Bild ergibt sich in Vertrieb, Verkauf und Beratung. Hier dominierten die psychischen Arbeitsanforderungen das Berufsleben der Beschäftigten. Diese Ergebnisse zur Belastung legen den Schluss nahe, dass die in Bezug auf die Einschätzung nach Erreichen des Rentenalters dargestellten Unterschiede zwischen den Berufsgruppen zu einem großen Teil auf das unterschiedliche Maß an psychischen und körperlichen Belastungen in den Tätigkeitsfeldern zurückgehen. Neben der tariflichen Gestaltung eines demografischen Überganges in den Betrieben kommt damit auch der betrieblichen Gestaltung der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsplätze eine entscheidende Bedeutung zu. In der nächsten Ausgabe der bewegen berichten wir über die Befragungsergebnisse zu Gesundheitsschutz, Arbeitszeiten und Partizipation.