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Gefährungsbeurteilung - Der Film!

Bessere Arbeitsbedingungen im Betrieb

Gefährungsbeurteilung - Der Film!

Deutsche Post AG: Bessere Arbeitsbedingungen im Betrieb

18.8.2017 +++ ver.di und die Betriebsräte der Deutschen Post AG wollen die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Betrieb verbessern. Ein wichtiges Element dabei sind Betriebsvereinbarungen zur Gefährdungsbeurteilung – kurz GeBu. Der Film zeigt, was eine solche Vereinbarung den Beschäftigten bringt und im Interview erzählt ein Betriebsrat wie es gelingt.

Schaut man ins Arbeitsschutzgesetz, dann liest man, Arbeit soll human, also dem Menschen gerecht gestaltet sein. Die Praxis sieht oft anders aus, viele Beschäftigte klagen über physische und psychische Belastungen bei ihrer Arbeit. Um die Ursachen, die hinter den Belastungen stecken, genau zu erkennen und zu analysieren, um sie dann bestenfalls zu beseitigen oder abzubauen, gibt es ein Instrument – die Gefährdungsbeurteilung.

Der Arbeitgeber ist seit Inkrafttreten des Arbeitsschutzgesetzes 1996 in der Pflicht, Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen. Seit 2013 verlangt das Gesetz auch den Blick auf psychische Belastungen zu richten und nicht allein auf physische. Doch nur knapp die Hälfte der Betriebe führt Gefährdungsbeurteilungen durch. Das besagen Auswertungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Da ist also noch Luft nach oben.

Da beim Arbeits- und Gesundheitsschutz die Möglichkeiten der Betriebsräte gewaltig sind und durch die  Rechtsprechungen des Bundesarbeitsgerichtes (BAG) mehrfach nachhaltig gestärkt wurden, sollte dieses Potential für gute Arbeit der Beschäftigten genutzt werden.

Interview mit dem Betriebsrat der Deutschen Post AG der Niederlassung Brief in Straubing Josef Kraus.

Dort sperrte sich der Arbeitgeber vor rund fünf Jahren zunächst gegen  Gefährdungsbeurteilungen, besonders psychischer, und bestritt die Mitbestimmung des Betriebsrates. Dabei tat Handeln Not. Heute spüren die Beschäftigten erste Verbesserungen in ihrem Arbeitsalltag mit Hilfe der systematisch durchgeführten Gefährdungsbeurteilungen. Viele Arbeitsplätze in allen Abteilungen wurden analysiert, im Brief- und Paketzentrum, in der Zustellung, der Verwaltung und dem Fahrdienst. Um das damit erkannte Gefahrenpotenzial zu beseitigen, braucht es manchmal mehr Zeit. So bei Themen wie diesem: Viele Zusteller haben nicht die Möglichkeit, während ihrer Tour auf Toilette gehen zu können und nehmen deshalb kaum Flüssigkeit zu sich, um durchzuhalten. Hier braucht es Lösungen, dass die Zusteller abweichend von der Tour legal den Zustellstützpunkt oder einen anderen geeigneten Ort anfahren können, um auf Toilette zu gehen. Das alles lässt sich nicht über Nacht regeln. Jedoch ist mittels expliziter Dokumentation der Fortgang jederzeit im Blick der Beteiligten. Manchmal sind es auch nur kleinere Sachen, die geändert werden müssen, die aber ein großes Gefährdungspotenzial minimieren oder gar beseitigen – und auch Einfluss auf das Miteinander haben können. Darüber erzählen uns Halime Mustafa Boudra, die in der stationären Bearbeitung im Paketzentrum der Deutschen Post AG in Regensburg arbeitet und Josef Fürst vom Fahrdienst im Konsolidierungspunkt der Deutschen Post AG in Tiefenbach. „Du erkennst nicht immer gleich, wie schwer das Paket ist. Manchmal erst, wenn du es angepackt hast. Die Auslader helfen nun beim Auflegen aufs Band, wenn es ein schweres Paket ist. Es ist inzwischen ein besseres Miteinander zwischen Ausladern und denen, die die Pakete aufs Band legen“, sagt Halime Mustafa-Boudra. „Gut ist jetzt auch geregelt, wenn es im Sommer bei uns im Paketzentrum heiß ist, dass wir mehr Pausen einlegen und Wasser vom Wasserspender in der Halle holen können.“ Josef Fürst berichtet, dass es bis vor kurzem ein großes Sicherheitsproblem gab, weil Kunden einer Fremdfirma, die sich auf dem Gelände der Deutschen Post AG befindet, durch die Rangierbereiche liefen. „Hier im Konsolidierunsgpunkt gibt es einen hundertfachen Lkw-Pendelverkehr am Tag, da ist eine solche Situation gefährlich. Doch seit Markierung der Flächen der Deutschen Post AG und seit dort Hinweisschilder stehen, dass dort nicht geparkt werden darf, ist die Gefahr gebannt.“

Frage | Warum habt ihr euch auf diesen Weg gemacht?

Josef Kraus | Die Situation der Beschäftigten im Unternehmen war so, dass ihnen in den letzten Jahren immer mehr drauf gepackt wurde, Leistungsvorgaben wurden erhöht, an Arbeitsmitteln und Ausstattung wurde gespart und bei den Entscheidungen wurden sie nicht mitgenommen, sondern vor die Tatsachen gestellt. Das erzeugte Frust bei den Beschäftigten und zeigte sich nicht zuletzt bei den Ergebnissen der Mitarbeiterbefragung und am Krankenstand. Deshalb haben wir 2011 als Betriebsrat den Beschluss gefasst, mit dem Arbeitgeber eine Betriebsvereinbarung zur Gefährdungsbeurteilung zu verhandeln.

Frage | Was war eure Vision?

Josef Kraus | Wir haben in der Gefährdungsbeurteilung die Möglichkeit gesehen, für die Beschäftigten bei ihren Arbeitsbedingungen Vieles positiv zu regeln, besonders im Hinblick auf ihre physischen wie auch der psychischen Belastung. Wir wollten ihre Belastungssituation deutlich machen, messbar machen und dann Abhilfe schaffen.

Frage | Wo war der größte Handlungsbedarf?

Josef Kraus | In allen Bereichen. Da gab es keine Ausnahmen.

Frage | Also Ziel erkannt und dann die Betriebsvereinbarung geschlossen?

Josef Kraus | Nein, es war ein langer Weg. Es gibt zwar eine gesetzliche Grundlage für die Beurteilung von Gefährdungen, aber der Widerstand des Arbeitgebers war groß. Zumal klar war, dass wir die Vorreiter in Bayern für diesen Weg sein könnten. Da eine Einigung mit dem Arbeitgeber nicht möglich war, wurde die Einigungsstelle angerufen. Neun Sitzungen waren notwendig. Das war für uns eine Menge an Arbeit. Du gehst da nicht einfach so rein in ein Einigungsstellenverfahren, es galt dem Richter die Argumente ausführlich und plausibel darzulegen. Hilfreich und unerlässlich für uns als Betriebsrat war ein externer Sachverständiger aus der Arbeitsmedizin.

Frage | Was war besonders schwierig?

Josef Kraus | Besonders schwierig war dem Richter zu erklären, warum und in welcher Form wir ein Verfahren zur psychischen Belastung wollen und dann den Arbeitgeber davon zu überzeugen.

Frage | Geschafft…

Josef Kraus | Ja, nach 13 Monaten hatten wir den Spruch der Einigungsstelle und die ausformulierte gültige Betriebsvereinbarung zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung. Im September 2012 trat sie in Kraft und ist ein Modell, das bei den anderen Briefniederlassungen in ganz Bayern übernommen wurde. Das bedeutet für rund 30 000 Beschäftigte die Möglichkeit guter Arbeit.

Frage | Was legt die Betriebsvereinbarung fest?

Josef Kraus | Geregelt wurden die Organisation der Gefährdungsbeurteilung – wie die Bildung eines paritätisch besetzten Beurteilungsteams. Anlass, Umfang und Durchführung der Gefährdungsbeurteilung unter ausdrücklicher Einbeziehung der psychischen Belastungen und Beanspruchungen wurden geregelt sowie Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Festgelegt wurde zudem die Dokumentation der Ergebnisse der Analysen,Maßnahmen und Erfolge und natürlich datenschutzrechtliche Bestimmungen. Bekräftigt in der Betriebsvereinbarung sind auch unsere Mitbestimmungsrechte als Betriebsrat.

Frage | Dann die Praxis. Wie seid ihr vorgegangen?

Josef Kraus | Wir, also das Beurteilungsteam, haben bei Null angefangen und uns erst einmal eine Arbeitsstruktur gegeben. Wir haben die Arbeitsplätze in allen Abteilungen besichtigt, im Briefzentrum, im Paketzentrum, in der Zustellung, der Verwaltung und im Fahrdienst. Wir haben beispielsweise in der Zustellung die Zusteller in rund zehn Bezirken begleitet, vom Anfang der Schicht bis zum Ende. In den  Briefzentren waren wir bei den einzelnen Schichten dabei. Und wir haben den Beschäftigten immer gesagt: Ihr dürft uns jetzt alles was euch belastet oder gefährdet ansagen, ohne Einschränkung. Wir können nicht versprechen, dass sich alles gleich verändern lässt, aber wir werden es angehen.

Frage | Wie weit seid ihr heute?

Josef Kraus | Wir haben das Paketzentrum, die Verwaltung, die Betriebstechnik, die Briefzentren und den Fahrdienst analysiert und neue Gefährdungsbeurteilungen und Maßnahmen festgelegt. Das ist ohnehin ein ständiger Prozess. Positiv macht sich die Einführung eines von uns entwickelten „Dokublattes“. Das wird regelmäßig bei Gesprächen mit den Beschäftigten eingesetzt und darin wird festgehalten, wo Handlungsbedarf gesehen wird. Das wird dann mit Datum versehen und abgearbeitet. Auch Zwischenstände werden festgehalten. Sowohl Betriebsrat als auch Arbeitgeber haben Zugriff darauf und können schnell und unkompliziert den Beschäftigten eine Information über den aktuellen Stand der Bearbeitung ihres Problems geben. Mit dieser Dokumentation kann man den Prozess bis zur Klärung des Problems verfolgen.

Frage | Was steht noch an?

Josef Kraus | Das große Feld der Zustellung. Hier wurden uns viele Gefährdungen von den Beschäftigten genannt. Die müssen wir noch genau analysieren und hilfreiche Maßnahmen zur Verbesserung von kritischen Situationen finden.

Frage | Was möchtest du denen sagen, die Gefährdungen beurteilen lassen wollen?

Josef Kraus | Nicht nachlassen! Es braucht einen langen Atem, auch der Arbeitgeber muss überzeugt werden und mitziehen. Es muss ihm klargemacht werden, dass er bei einer Blockade von Prozessen für gute Arbeit die Zeche an anderer Stelle zahlt: Mit erhöhtem Krankenstand, zunehmenden Unfällen, mit unzufriedenen Beschäftigten, schlechten Leistungen, hoher Fluktuation und sinkender Qualität. Das verursacht Kosten und senkt die Produktivität. Allein deshalb ist es für einen Arbeitgeber aus meiner Sicht unerlässlich, in gute Arbeit zu investieren. Aber – Betriebsrat und Arbeitgeber können vereinbaren was sie wollen – der Beschäftigte muss auch selbst für seinen Schutz sorgen, Pausen machen, die Zustellung abbrechen, wenn Gefahr droht und nicht auf Risiko gehen. Es muss ein offener, ehrlicher und vor allem vertrauensvoller Umgang zwischen Betriebsrat, Beschäftigten und dem Arbeitgeber entstehen. Wenn alle gemeinsam an der Lösung von Problemen arbeiten, ist schon viel gewonnen. Und man braucht einen verlässlichen Partner an seiner Seite. Das war ver.di in Bayern von Beginn des Prozesses an bis heute.