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Arbeitstagung

Betriebsräte in der Logistik

Arbeitstagung

Hannover: Betriebsräte in der Logistik machen auf die Arbeitssituation in der Branche aufmerksam Mathias Thurm Hannover: Betriebsräte in der Logistik machen auf die Arbeitssituation in der Branche aufmerksam

6. und 7.10.2014 +++ Betriebsräte berieten in Hannover über „Gute Arbeit in der Logistik – Meine Zukunft in der Logistik“

Kaufen Sie im Internet?“, fragt der Kollege einen der vorbei eilenden Passanten und hält ihm einen Flyer hin. Der Mann schaut verdutzt hoch, hält kurz inne und antwortet zögernd: „Ja, ab und zu.“ Als er im Gespräch erfährt, unter welchen unzumutbaren Bedingungen viele Express- Paketdienst- und Kurierfahrer arbeiten, wird er nachdenklich.

Rund 130 Betriebsräte der Logistikbranche sind am 6. Oktober zum Steintor in Hannover gezogen, um auf die Arbeitssituation in der Branche aufmerksam zu machen. In ihren ver.di-Westen sind sie nicht zu übersehen. Sie diskutieren mit Bürgerinnen und Bürgern, verteilen Flyer und demonstrieren mit ihrem „rollenden Wohnzimmer“ den Alltag von Lkw-Fahrern. Einige Interessierte nutzen die Gelegenheit, klettern die vier Stufen zur Fahrerkabine von Klaus-Dieter Teßmer hoch und schauen sich neugierig um. „Schlafen Sie auch hier?“ „Wie viele Kilometer fahren Sie so in der Woche?“ „Wie lange sind Sie am Tag unterwegs und was kann man verdienen?“, wollen sie wissen. Zwei Jugendliche interessieren sich dafür, wie man Lkw-Fahrer wird und welche Ausbildung man dazu braucht. Ein paar Meter weiter vor der „Lohndumpingmauer“ aus Pappkartons, die am Ende der Aktion mit lautem Spektakel eingerissen wird, drängt sich ein Knäuel von Menschen, mit dabei Günter Wallraff. Die drastischen Schilderungen seiner Undercover-Recherchen als Kurierfahrer rufen bei den Umstehenden immer wieder ungläubiges Kopfschütteln und Lob für seine Aufklärungsarbeit hervor.

Die Aktion von ver.di am Steintor in Hannover war Teil der Arbeitstagung der Betriebsräte in der Logistik vom 6. und 7. Oktober. Sie fand im Rahmen der weltweiten Aktionswoche im Straßentransport der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) statt. Anknüpfend an die erfolgreiche Veranstaltung des Vorjahres in Peißen bei Halle lautete das Motto: „Gute Arbeit in der Logistik – Meine Zukunft in der Logistik.“

Mit 2,9 bis 3,2 Millionen Beschäftigten behaupte die Logistikbranche Platz Drei in Deutschland, jedoch erfahre die Branche immer noch nicht die Wertschätzung, die ihr nach der wirtschaftlichen Bedeutung zustehe, hob Mario Klepp, Leiter der Bundesfachgruppe Speditionen, Logistik, Kurier-, Express- und Paketdienste in ver.di hervor. Das sei auch ein Grund, der Unternehmen in der Branche bei der Besetzung offener Stellen in einigen Bereichen zunehmend Schwierigkeiten bereite. Die hohe Altersstruktur der Beschäftigten in weiten Teilen der Branche werde die Situation in den kommenden Jahren verschärfen. Um die Lücke zu schließen, müssten jedes Jahr allein für den Beruf des Lkw-Fahrers mindestens 30.000 Auszubildende eingestellt werden. Ein großes Problem sei nach wie vor die mangelnde Tarifbindung in der Branche von Speditionen und Logistik. Hier sei der kommende gesetzliche Mindesstlohn ein wichtiger Faktor der Stabilisierung. „Die Ausnahmen zum Mindestlohn gefallen mir auch nicht“, so Klepp. Trotzdem sei der Mindestlohn ein wichtiger Meilenstein, für den die Gewerkschaften ver.di und Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zehn Jahre lang gekämpft hätten. Als großen Erfolg wertete der Bundesfachgruppenleiter den jüngst erkämpften Tarifabschluss bei DHL HUB Leipzig, bei dem 4,7 Prozent im ersten und 4,3 Prozent mehr Entgelt im zweiten Jahr vereinbart wurden. Positiv verlaufe auch die Mitgliedergewinnung in den ver.di-Fachgruppen Postdienste und Logistik. „Bei den Auszubildenden sind wir aber noch nicht da, wo wir hingehören“, schränkte Klepp ein. Hier müsse ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit liegen.

Detlef Dreyer, Referent der Bundesfachgruppe stellte die im Oktober angelaufene Umfrage zu den Arbeitsbedingungen in der Logistik vor. Hauptthemen der bis Dezember dieses Jahres laufenden Befragung sind Arbeitszeit, Bezahlung, Arbeitsumfeld, Arbeitsmittel, berufliche Weiterbildung und Förderung, Arbeitszufriedenheit und Betriebsklima. Die Fragen sind gezielt an die unterschiedlichen Berufsgruppen wie Lkw- und KEP-Fahrer, Angestellte aus dem kaufmännischen Bereich sowie stationär Beschäftigte in den HUBs, Lagern und in der Kontraktlogistik gerichtet. „Wir wollen die Situation in voller Breite erfassen, um eine konkrete Unterstützung unserer gewerkschaftlichen Arbeit zu erhalten. Der Fragebogen kann auch bequem im Internet ausgefüllt werden unter www.verdi-logistik-mitarbeiterzufriedenheit.de

Mit Spannung erwartet wurde der Auftritt von Entüllungsjournalist Günter Wallraff. Obwohl die von ihm beschriebenen Arbeitsbedingungen von KEP-Zustellern vielen anwesenden Betriebsräten bekannt sind, gehen Wallraffs persönlich gefärbten Erfahrungsberichte als Kurierfahrer ihnen unter die Haut. Wie er in einem Film zeigte, sind 14 Stunden Arbeit täglich ohne Pause für 1.100 bis 1.200 Euro netto im Monat der Normalfall. Fahrer, die zu Subunternehmern „aufsteigen“, enden oft in der Schuldenfalle, weil sie für die Anschaffung und Unterhaltung des eigenen Kleintransporters viel Geld vorstrecken müssen. Auf die Frage, was man gegen solche unakzeptablen Zustände tun könne, gab der Autor den Rat, sich nicht zu scheuen, sich mit konkreten Beispielen an die Medien zu wenden und vor allem die Gewerkschaft durch zusätzliche Mitglieder stark machen.

 

Statements

  • Betriebsrat Olaf Wasielewski

    Olaf Wasielewski,  Betriebsrat Egerland Automobillogistik Osnabrück: „Es ist gut und wichtig, dass sich Europa öffnet. Zunehmende wettbewerbsverzerrende Effekte durch Billigkonkurrenz aus Osteuropa für Kraftfahrer müssen aber verhindert werden. Gefördert wird die Entwicklung hin zu Lohndumping und Arbeitsplatzabbau auch dadurch, dass die Endverbraucher es immer billiger haben wollen. Gegen diesen Trend hilft nur, wenn sich die Gewerkschaften europaweit organisieren.

  • Betriebsrätin Katja Kennecke

    Katja Kennecke, Betriebsrätin DHL HUB Leipzig: „Bei uns wird hauptsächlich nachts und in Teilzeit gearbeitet, und das sieben Tage in der Woche. Das ist nicht nur hart, davon kann auch keiner leben. Deshalb wandern immer mehr Kolleginnen und Kollegen zu Konkurrenzbetrieben ab,wo sie einen 40 Stunden-Job und freie Wochenenden angeboten bekommen. Deshalb brauchen wir unbedingt eine bessere Entlohnung und mehr Vollzeitjobs. Es ist toll, dass man hier erfährt, wie es bei anderen läuft und wie man es gemeinsam besser machen kann.

  • ver.di Fachgruppenvorstand Nord Harald Meyer

    Harald Meyer, BLG Autoterminal Hamburg: „Es gibt in Deutschland keine Veranstaltung, wo so viele Funktionsträger aus den Betrieben zusammenkommen. Eine einzigartige Gelegenheit für eine intensive Vernetzung zwischen den Betriebsräten. Wichtig ist auch der Austausch mit ver.di, so dass die Themen der Mitglieder und Betriebe sich im Gewerkschaftsprogramm wiederfinden und umgekehrt, dass programmatische Punkte, die ver.di Bund entwickelt hat, mit den Mitgliedern diskutiert werden. Deshalb ist diese Veranstaltung so wichtig für mich.

  • Gesamtbetriebsratsvorsitzender Gabriel Javsan

    Gabriel Javsan, DPD: „Ich war auch schon im vergangenen Jahr dabei und war mit Null Erwartungen gekommen. Wenn ich sehe, was dabei rausgekommen ist, hat mich das total motiviert. Deshalb bin auch diesmal wieder hier. Ich erhoffe mir vor allem Lösungsansätze für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen unserer Zusteller. Es muss uns gelingen, auch die Subunternehmer zu organisieren. Auch sie brauchen eine Lobby.

  • Betriebsratsvorsitzende Heike Worbs

    Heike Worbs,  Kühne & Nagel BMW Leipzig: „Nächstes Jahr haben wir eine Tarifrunde. Bis dahin haben wir noch jede Menge zu tun. Unser Standort ist im vergangenen Jahr von 400 auf 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeter gewachsen.  Unser Thema ist vor allem die kundenorientierte flexible Arbeitszeit. Unser Ziel sind unbefristete Arbeitsverträge und mehr Entgelt. Ich finde gut, dass man sich hier mit so vielen Kolleginnen und Kollegen darüber austauschen kann.

In vier Workshops wurden die Themen der Arbeitstagung vertieft. Dabei wurden nicht nur Probleme konkret benannt, sondern auch Zukunftsvisionen entwickelt. Der Wunsch nach geregelten Arbeitszeiten, Vollzeitarbeitsplätzen und unbefristeten Arbeitsverträgen wurde, wie sich herausstellte, in allen Workshops gefordert. In der Arbeitsgruppe Straßentransport wurde besonders eine höhere Wertschätzung in der Gesellschaft gegenüber der Branche eingefordert. Den Verbrauchern müsse stärker vermittelt werden, dass eine Schnäppchenmentalität langfristig niemandem nutzt, dass Qualität ihren Preis hat. Im Workshop Kurier-, Express- und Paketdienste wurde der fortgesetzte Trend zu Outsourcing und Fremdvergabe von Aufträgen kritisiert. Die wachsende Zahl der Subunternehmer behindere zudem eine stärkere Tarifbindung der Arbeitgeberseite. Ähnliche Ergebnisse auch im Workshop Läger undKontraktlogistik. Hier gelte es besonders ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor dem zunehmenden Leistungsdruck zu schützen. „Wir hätten noch Stunden weiter diskutieren können“, fasst Thomas Sorg, Vorsitzender des Bundesfachgruppenvorstandes Speditionen, Logistik, Kurier-, Express- und Paketdienste in ver.di und Moderator des Workshops Operative und Verwaltung die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe zusammen. Flexible Arbeitszeiten ja, aber im Interesse der Beschäftigten, lautete eine Forderung. Ebenfalls wurde die Weiterbildung für alle Gruppen als Ziel genannt.

Die Ergebnisse der Arbeitstagung und der Workshops sollen in der ver.di-Bundesfachgruppe Speditionen, Logistik, Kurier-, Express- und Paketdiensteweiter diskutiert werden. Über die gesamte Veranstaltung wird eine detaillierte Dokumentation erscheinen, kündigte Thomas Sorg an. Weitere Anregungen und Ideen per E-Mail an die Bundesfachgruppe sind erwünscht.

Hannover: Tagung der Betriebsräte in der Logistik Mathias Thurm Hannover: Tagung der Betriebsräte in der Logistik