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Einblicke hinter die Fassade

Arbeiten bei den DHL Delivery GmbHs

Einblicke hinter die Fassade

Zustellung ver.di Zustellung

4.3.2016 +++ Bei den DHL Delivery Gesellschaften arbeiten inzwischen etwa 9000 Beschäftigte, darunter rund 3900 vormals befristet Beschäftigte der Deutschen Post AG. 

Im Januar hat sich der Konzern Deutsche Post DHL selbst gefeiert. Die von ihm für die Paketzustellung gegründeten 49 DHL Delivery Gesellschaften sind ein Jahr alt geworden. Im Januar 2015 hatte die Deutsche Post AG die 49 Regionalgesellschaften in das Handelsregister eintragen lassen. Ab April 2015 hatte sie damit begonnen, vielen der damals befristet Beschäftigten der Deutschen Post AG ein Arbeitsverhältnis in einer der neuen Gesellschaften anzubieten. Inzwischen arbeiten bundesweit etwa 9000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den 49 Regionalgesellschaften, darunter rund 3900 vormals befristet Beschäftigte der Deutschen Post AG.

Arbeitsbedingungen gestalten

Mit dem Tarifabschluss zwischen ver.di und der Deutschen Post AG vom Juli 2015 war klar, dass das Unternehmen Deutsche Post AG von den 49 Regionalgesellschaften für die Paketzustellung nicht abrückt. Entsprechend haben sich ver.di und die Beschäftigten der DHL Delivery GmbHs auf den Weg gemacht, die Gestaltung der Arbeitsbedingungen nicht allein dem Arbeitgeber zu überlassen, sondern diese Aufgabe auch selbst in die Hand zu nehmen. Inzwischen haben die Beschäftigten mit Unterstützung von ver.di in 44 der 49 Betriebe Wahlvorstände gebildet, um Betriebsräte wählen zu können. In über 30 Gesellschaften haben die Beschäftigten ihre betriebliche Interessenvertretung bereits gewählt oder steht der Wahltermin unmittelbar bevor. „Es ist positiv, dass wir es hinbekommen haben, innerhalb von einem halben Jahr so schnell Betriebsräte zu gründen. Da hat sich zum Teil auch der Arbeitgeber gewundert“, beschreibt ein Kollege die Entwicklung.  Da die Gesellschaften vollkommen neu sind und es folglich auch noch keinerlei betriebliche Regelungen gab oder gibt, haben die neu gewählten Kolleginnen und Kollegen in den Betriebsräten eine Menge Arbeit vor sich. Aber nicht nur das – auch das Handwerkszeug für die Betriebsratsarbeit müssen sich die neu gewählten Betriebsräte erst einmal aneignen. In den ver.di-Landesbezirksfachbereichen sind entsprechende Schulungen für die Betriebsräte der DHL Delivery GmbHs angelaufen. „Wir haben da Leute, die sich einsetzen“, charakterisiert ein Kollege die Stimmung unter den neu gewählten Betriebsräten. Man tausche sich über die Grenzen der jeweiligen GmbH hinweg aus. „Das sind coole Teams“, fasst ein Kollege aus einem andern Bundesland die sich entwickelnde Arbeit mit den neu gewählten Betriebsräten zusammen. Auch die Betriebsräte der Deutschen Post AG stehen den Betriebsräten der Delivery GmbH mit Rat und Tat zur Seite. „Wir rufen uns an oder beraten uns gemeinsam vor Ort“, sagt ein Betriebsrat.   

Direkter Draht 

Die Delivery GmbHs sind in der reinen Paketzustellung tätig. Die Zustellung bei der Deutschen Post AG erfolgt in den Ballungsräumen überwiegend getrennt nach Briefen und Paketen. In den ländlicher geprägten Regionen hingegen werden Briefe und Pakete zumeist im Verbund zugestellt. Da die Deutsche Post AG die 49 DHL Delivery GmbHs parallel zu ihrer bestehenden Niederlassungsstruktur gegründet hat, sind die DHL Delivery GmbHs unterschiedlich groß – je nachdem, wie stark der jeweilige Einzugsbereich von Ballungsräumen und daher einer reinen Paketzustellung geprägt ist. Es gibt DHL Delivery GmbHs mit rund 50 oder auch weniger Beschäftigten und es gibt DHL Delivery GmbHs mit mehr als 200 oder 300 Beschäftigten bis hin zu knapp 600 Beschäftigten. Was allerdings allen GmbHs, die schon einen Betriebsrat gewählt haben, gemeinsam ist, ist deren direkte Vertretung im Konzernbetriebsrat der Deutschen Post DHL. Da es keinen Gesamtbetriebsrat gibt, ist jede DHL Delivery GmbH mit gewähltem Betriebsrat mit zwei Kolleginnen oder Kollegen unmittelbar im Konzernbetriebsrat vertreten. Ein solch „direkter Draht“ nach oben kann, so die ersten Erfahrungen, überaus hilfreich sein. Denn dann können vor Ort gegebene Begründungen der Geschäftsführung mit den in der Konzernzentrale angesiedelten Verantwortlichen rückgekoppelt werden.  

Erst nach der Probezeit

Bei den Arbeitsmitteln ist die Situation vor Ort unterschiedlich. Mal fehlten zu Beginn Sicherheitsschuhe, wurde die Dienstkleidung erst nach der Probezeit ausgehändigt, mussten die Kolleginnen und Kollegen in ihrer privaten Kleidung zustellen. Sehr verschieden sind auch die Berichte über den Zustand der Fahrzeuge. Mal sind sie topp, es gibt aber auch Bereiche, wo sich die Betriebsräte der AG, da es noch keine gewählten Betriebsräte in der GmbH gibt, Sorgen um Verkehrstauglichkeit machen. „Bremsen ausgelatscht, Lichter kaputt, Reifen abgefahren, das ist zum Teil unterirdisch“, sagt ein Kollege. 

Großes Thema Arbeitszeit 

Für die DHL Delivery GmbHs gelten die regionalen Tarifverträge aus dem Bereich Speditionen und Logistik. In den Tarifverträgen ist die wöchentliche Arbeitszeit festgeschrieben. Sie liegt je nach Bundesland zwischen 38 und 40 Stunden. Trotz dieser Unterschiede muss die tatsächliche Arbeitszeit erfasst und gegebenenfalls auch zuschlagspflichtige Überzeitarbeit gezahlt werden. Das Arbeitszeitgesetz legt zudem fest, dass täglich nicht länger als zehn Stunden gearbeitet werden darf. Wird mehr als neun Stunden gearbeitet, stehen den Beschäftigten zudem insgesamt 45 Minuten Pause zu. Die Arbeitszeit ist in den DHL Delivery Gesellschaften ein großes Thema. Allerdings ist die Situation je nach Region, je nachdem, ob es genügend oder zu wenige Beschäftigte gibt und die Touren dementsprechend kleiner oder größer ausfallen und wie stabil oder instabil die Beschäftigtenstruktur ist, unterschiedlich. „Zwischen dem Tarifvertrag und der Praxis ist eine riesige Kluft“, beschreibt ein Kenner die Situation. Es würden Überstunden gemacht. Zumeist stoßen die Beschäftigten an die Grenze der zehn Stunden. Vielfach geht es aber auch darüber hinaus. Man habe über 100 Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz bei der Gewerbeaufsicht gemeldet, wird aus einem Bundesland berichtet. Auch wurden Beschäftigte abgemahnt, die zwar schon den Dienstplan überschritten hatten, aber die Höchstarbeitszeitgrenze der zehn Stunden plus 45 Minuten Pause noch nicht erreicht hatten. Andernorts wurde Beschäftigten, die ihre Arbeit nicht innerhalb der gesetzlichen Höchstarbeitszeit bewältigt hatten, wegen angeblich schlechter Leistung gekündigt. „Der Arbeitgeber geht davon aus, dass die Beschäftigten jeden Tag zehn Stunden 45 Minuten arbeiten, jedenfalls solange es noch keinen Betriebsrat oder keine betriebliche Regelung gibt“, fasst ein Kollege die Situation bei ihm vor Ort zusammen.  

Wochenarbeitszeit bei den DHL Delivery GmbHs ver.di Wochenarbeitszeit bei den DHL Delivery GmbHs

Qualität ist unterschiedlich 

Es gibt GmbHs, da ist der Anteil an Beschäftigten, die zuvor bei der Deutschen Post AG waren oder auch von anderen Paketdiensten gekommen sind, vergleichsweise hoch. Diese Kolleginnen und Kollegen kämen mit der Arbeit genauso gut oder schlecht zurecht, wie die Kollegen aus der AG, beschreibt ein Betriebsrat die Situation in seiner Region. Auch mit der Qualität gebe es keine Probleme, „die wissen, wie man zustellt“, sagt der Betriebsrat. Überhaupt sei es nicht sonderlich schwer, Leute zu finden, da der Stundenlohn des hier geltenden Flächentarifvertrages im Einstieg bei 17,39 Euro liegt und damit durchaus attraktiv sei. Das sieht an anderen Orten allerdings anders aus. Die Fluktuation ist hoch. Zum Teil gibt es erhebliche Probleme, Beschäftigte zu finden. Zum Teil hat der Konzern auch gezielt Beschäftigte aus Ungarn, Polen oder Rumänien angeworben. „Hier gibt es ein massives Abhängigkeitsverhältnis vom Arbeitgeber“, beschreibt ein Kollege die Lage dieser Beschäftigten. Sie hätten Probleme mit der Sprache und würden vielfach ihre Rechte nicht kennen. „Wenn der Depotleiter sagt, fahr noch mal raus oder komm am Samstag, dann machen sie das. Sie machen Überstunden ohne es zu merken“, sagt ein Insider. Es gibt keine Regeln für das Einlernen, berichtet ein Kollege aus einer anderen Region. Ein anderer Kollege berichtet, dass eine Kollegin auch nach Wochen nicht richtig mit dem Handscanner umgehen konnte, weil es ihr niemand systematisch erklärt hatte. Entsprechend hoch sind vielerorts Fehler in der Zustellung. Hier sind die Beschäftigten gut beraten, sich zum Thema Regress sorgfältig zu informieren und keinesfalls ohne Rücksprache mit dem Betriebsrat, einer ver.di-Kollegin oder einem ver.di-Kollegen etwas zu unterschreiben. 

Zustellbasis und Depot

Im Zuge der Tarifeinigung zwischen ver.di und der Deutschen Post AG vom Juli vergangenen Jahres konnte erreicht werden, dass die damals rund 7600 Paketzusteller der Deutschen Post AG das auch bis an das Ende ihres Berufslebens bleiben. Dementsprechend arbeiten bundesweit mit den rund 7600 Paketzustellern der AG und den rund 9000 Beschäftigten der GmbHs etwa 16 600 Beschäftigte in der reinen Paketzustellung. Was bei der Deutschen Post AG die Zustellbasis ist, ist bei den GmbHs das Depot. Die Betriebsgebäude sind allerdings dieselben. Mal ist der Bereich der GmbH durch eine gelbe Linie abgetrennt oder die Rutschen sind entsprechend gekennzeichnet. Die Kolleginnen und Kollegen benutzen zumeist dieselben Aufenthaltsräume oder verbringen die Pause gemeinsam im Freien. Der Innendienstler ist vielfach derselbe, es werden dieselben Rollcontainer benutzt, fast überall wurden oder werden je nach Personalsituation Sendungen von der GmbH in die AG verschoben oder umgekehrt. Fahrzeuge werden hin und her verliehen. „Niemand kann nachvollziehen, wer was macht“, sagt ein Kollege, der viel in den Zustellbasen und Depots herumkommt.  

Beschäftigte nicht trennen

Versuche des Arbeitgebers, die Beschäftigten zu trennen, gibt es durchaus. So arbeiten in einer der neuen mechanisierten Zustellbasen die Beschäftigten des einen Unternehmens in der ersten Zustellwelle und die Beschäftigten des anderen Unternehmens in der zweiten Zustellwelle. Auch gibt es in neuen mechanisierten Zustellbasen nur Zusteller einer Gesellschaft, beziehungsweise ist geplant, nur Zusteller einer Gesellschaft hineinzunehmen. Die modernen Zustellbasen stellen eine erhebliche Arbeitserleichterung bei der Vorbereitung der Zustelltour dar. „Ich möchte, dass alle Beschäftigten in die mechanisierte Zustellbasis kommen“, sagt ein mit diesen Plänen konfrontierter Betriebsrat. Auch der Tarifabschluss zwischen ver.di und der Deutschen Post AG vom Juli 2015 schließt eine solche Trennung aus. Für die Paketzusteller der Deutschen Post AG ist dort vereinbart: „Versetzungen aus den Paketzustellbasen finden nicht statt, um den Bezirk des Paketzustellers fremd zu vergeben.“ Das Heft des solidarischen Handelns lassen sich die ver.di-Mitglieder nicht aus der Hand nehmen: „Wir schließen die Beschäftigten in den ver.di-Betriebsgruppen zusammen“, sagt ein Kollege.

Fragen an den Leiter der ver.di-Bundesfachgruppe Postdienste

Rolf Bauermeister

Rolf Bauermeister
Foto/Grafik: ver.di

Frage | Wie geht es bei den DHL Delivery GmbHs voran?

Rolf Bauermeister| Alle Beteiligten haben Enormes geleistet, um die Basis für gute Arbeits- und Bezahlungsbedingungen zu schaffen. Bei 44 der 49 DHL Delivery GmbHs konnten wir in für die verantwortungsvolle Aufgabe angemessen schneller Zeit die Betriebsratsbildung angehen. Es gilt, jetzt auch die verbleibenden Lücken zu schließen. Daneben müssen wir auch an der Einbindung unserer Kolleginnen und Kollegen in die ver.di-Betriebsgruppenstrukturen weiter konsequent arbeiten.

Frage | Was sind die nächsten Aufgaben?

Rolf Bauermeister| Zum Schutz unserer Mitglieder in den DHL Delivery GmbHs müssen wir ganz dringend die Probleme in der Arbeitszeit angehen. Wir stellen sehr viele Verstöße gegen die tarifvertraglichen Arbeitszeitbestimmungen der Flächentarifverträge und die gesetzlichen Bestimmungen fest. Diese Rahmenregelungen, die Mindeststandards setzen, müssen betrieblich noch angemessen ausgestaltet werden, um die Gesundheit der Beschäftigten zu erhalten und die dauerhafte Arbeitsfähigkeit bis zum Renteneintritt zu ermöglichen. Wer täglich zehn Stunden 45 Minuten unterwegs ist, wird früher oder später unter der Belastung zusammenbrechen. Hier müssen ver.di und Betriebsräte angemessene betriebliche Arbeitszeitregelungen gegen den Arbeitgeber durchsetzen. Das wird ein gutes Stück Arbeit.

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