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Arbeitsbedingungen in Europas Postsektor

Arbeitsbedingungen in Europas Postsektor

Entwicklung der Anzahl von Beschäftigten im Postsektor Eurostat Entwicklung der Anzahl von Beschäftigten im Postsektor

2.2.2014 +++ Der europäische Postmarkt ist seit 1. Januar 2013 vollständig liberalisiert. Schrittweise und auch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten wurde dieser Weg in den EU-Staaten gegangen. So ist der deutsche Postmarkt schon seit dem Jahr 2008 vollständig liberalisiert.

Europaweit ist damit ein langer Transformationsprozess einhergegangen, der mit der ersten EU-Richtlinie für die Postdienste und der schrittweisen Marktöffnung im Jahr 1998 begann und seither zu einem umfassenden Wandel der Postunternehmen führte.  Wie sich angesichts dieser Veränderungen der europäische Postsektor in wirtschaftlicher, regulatorischer und sozialer Hinsicht entwickelt hat, war Gegenstand einer Studie des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie getragenen Forschungsinstituts WIK Consult im Auftrag der Europäischen Kommission. Als Teil des Projektteams hat die Input Consulting GmbH die Sozial- und Beschäftigungsaspekte für diese Studie analysiert. 

Beschäftigungsentwicklung

Blickt man auf die Entwicklung der Beschäftigung in den europäischen Postunternehmen, so ist festzuhalten, dass diese durch verschiedene Einflussfaktoren bestimmt wird. Zunächst ist hier die Liberalisierung des Sektors und der damit einhergehende Wettbewerbsdruck zu nennen, der bereits vor der vollständigen Marktöffnung zu einer umfassenden Restrukturierung und deutlichen personellen „Verschlankung der Postunternehmen führte. Im Weiteren führte auch die Automatisierung der Sendungssortierung zum Abbau von Arbeitsplätzen. Und nicht zuletzt wurde das Beschäftigungsniveau und die wirtschaftliche Situation der Postunternehmen durch die wachsende Bedeutung elektronischer Kommunikationsmedien beeinflusst, die den Versand von Briefsendungen immer mehr zurückdrängten und somit die Sendungsmengen der Postunternehmen teilweise dramatisch sinken ließ. Auf der anderen Seite profitieren auch die Postunternehmen durch den Bedeutungszuwachs des Internets. Der Onlinehandel ließ binnen weniger Jahre die Anzahl an Paketsendungen rasant ansteigen, wovon viele Postunternehmen – allen voran die Deutsche Post AG – in erheblichem Umfang wirtschaftlich profitieren und damit auch Beschäftigung sichern konnten und können. Dennoch zeigen die verfügbaren Daten, dass ungeachtet der neu entstandenen Arbeitsplätze bei den neuen Postunternehmen und der – allerdings erst neuerlich deutlich spürbaren – positiven Entwicklung bei Paket- und Expresssendungen sich die Anzahl an Arbeitsplätzen im europäischen Postsektor zumindest bis zum Jahr 2010 im Sinkflug befand: Nach den Daten der EU-Statistik hat sich die Zahl der Beschäftigten bei Postunternehmen in der EU zwischen den Jahren 2004 und 2010 von 1,19 Millionen auf 815000 reduziert (siehe Grafik). Das entspricht einem Rückgang von knapp einem Drittel. Angesichts des Rückgangs der Sendungsmengen im Briefmarkt und der wachsenden Konkurrenz infolge der Marktöffnung sind die traditionellen Postunternehmen immer mehr bestrebt, ihre Personalkosten, die meist mehr als 60 Prozent der gesamten Kosten ausmachen, an die hohe Veränderungsdynamik in ihrem Umfeld anzupassen. Dies geschieht – wie die Studie für die EU-Kommission zeigt – durch den verstärkten Einsatz flexibler Arbeitsverhältnisse in Form von Teilzeit und zeitlich befristeten Arbeitsverträgen. In vielen Ländern sind bis zu 20 Prozent des Personals mit Zeitverträgen angestellt. In den Niederlanden verfolgt die Post sogar das erklärte Ziel, die Briefzustellung ausschließlich mit Teilzeitkräften erledigen zu lassen. Trotz aller Tendenz zu einer stärkeren Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse bilden solche „atypischen Beschäftigungsformen bei den meisten nationalen Postunternehmen in der EU dennoch weiterhin eher die Ausnahme als die Regel.  

Gewerkschaft ist wichtig

Dies ist vor allem der starken sozialen Regulierung und der bedeutenden Position gewerkschaftlicher Interessenvertretung in diesem Sektor geschuldet. In allen EU-Staaten existieren tarifvertragliche Regelungen für die traditionellen Postunternehmen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad liegt dort durchgehend weit über dem jeweiligen Durchschnitt der Gesamtwirtschaft. Anders stellt sich hingegen die Situation außerhalb der ehemaligen Post-Monopolisten dar. Bei neuen Anbietern im Briefmarkt und der Mehrheit der Paketunternehmen ist eine sozialpartnerschaftliche Regulierung der Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge die Ausnahme. Das Bezahlungsniveau liegt hier meist auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Der Einsatz flexibler Beschäftigungsverhältnisse, wie Teilzeit, Zeitverträge, Leiharbeit oder sozialversicherungsfreie Arbeitsverhältnisse, ist als Maßnahme zur Kostensenkung oftmals Bestandteil des auf Preiskonkurrenz basierenden Geschäftsmodells bei diesen Unternehmen. Hierbei ist insbesondere der Einsatz von Scheinselbstständigen in der Brief- und Paketzustellung eine besonders problematische Form der Personalflexibilisierung – verbunden mit einem hohen Maß an finanzieller und beruflicher Unsicherheit und fehlender sozialer Absicherung für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Angesichts der hohen Veränderungsdynamik in den Postmärkten und der offensichtlichen Gefahr, dass sich hierbei die Abwärtsspirale bei den Beschäftigungsbedingungen fortsetzt, bleibt es weiterhin erforderlich, die sozialen Entwicklungen im europäischen Postsektor aufmerksam zu verfolgen und der Verbreitung prekärer Beschäftigungsformen durch eine wirkungsvolle Regulierung der Arbeitsbedingung entgegenzutreten.

Der Verfasser Claus Zanker ist Geschäftsführer der Input Consulting GmbH.