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ver.di in Nicaragua

ver.di in Nicaragua

Pulino Ramirez zeigt stolz den Tarifvertrag. ver.di Pulino Ramirez zeigt stolz den Tarifvertrag.

1.3.2014 +++ Seit 25 Jahren ist die Stadt Freiburg mit der Stadt Wiwili in Nicaragua freundschaftlich verbunden.  Gewerkschafter des ver.di-Ortsvereins aus Freiburg begaben sich zum bereits zum dritten Mal nach Wiwili und haben viel zu erzählen. Natürlich trafen sie sich mit Gewerkschafter der Post.

Angefangen hat alles kurz nach der Revolution im zentralamerikanischen Land Nicaragua. Nachdem es 1979 den Sandinisten gelang, die Somoza-Diktatur zu stürzen und ein Weg aus großer Armut und Rückständigkeit gesucht wurde,  kamen tausende überwiegend junge Menschen aus der ganzen Welt, um dabei zu helfen. Mit dabei der Freiburger Arzt Tonio Pflaum, der in der besonders rückständigen Region im Norden Nicaraguas die Bevölkerung medizinisch betreute. 1983 wurden er und 13 Krankenschwestern von einer paramilitärischen Gruppe der Contras ermordet. Ebenfalls auf den Weg nach Wiwili in Nicaragua machte sich von Freiburg aus der junge Gewerkschafter Berndt Koberstein. Helfen wollte er dort beim Bau einer dringend benötigten Wasserleitung. Auch er wurde von Contras ermordet, die finanzielle und militärische Unterstützung von den USA erhielten. Doch die Solidarität mit Nicaragua ging weiter. Städte, Jugendorganisationen, Gewerkschaften und christliche Organisationen halfen der jungen Demokratie. Viele der Projekte werden bis heute weitergeführt, so auch in Wiwili durch die Freiburger Bevölkerung. Im Jahr 2006 reisten Freiburger Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter von ver.di erstmals dahin, um Kontakte zu vertiefen und das schöne Land kennen zu lernen.

Im Februar machten sie sich zum dritten Mal auf den Weg. Klar war, dass ein Treffen mit Gewerkschafter der Post Nicaraguas geben muss. In Managua, der Hauptstadt des Landes, trafen sie sich und besichtigten das Hauptpost. Stolz erzählte das Leitungsmitglied der Postgewerkschaft  Paulino Ramirez wie es 1991 gelang, die durch die damalige neoliberale Regierung geplante Privatisierung der Post zu verhindern. Sogar zum Mittel des Hungerstreiks griffen einige der Gewerkschafter. Nicaraguas Post ist vergleichbar mit vielen in den Ländern Mittelamerikas. In Nicaragua, mit seinen über fünf Millionen Einwohnern, gibt es nur 900 Postbeschäftigte; weit über die Hälfte arbeiten in der Hauptstadt. Sie arbeiten in Vollzeit; dass heißt 40 Stunden in der Fünftagewoche. Über die Hälfte der Beschäftigten sind in der Gewerkschaft organisiert. Im der nicaraguanischen Post sind mehr als 40 Prozent der Beschäftigten Frauen.  Dieser Frauenanteil widerspiegelt sich auch in den Gewerkschaftsgremien.

Die Gewerkschafter der Post zeigten ihren Gästen den neuen Tarifvertrag, den sie in zweijährigen harten Verhandlungen durchsetzen konnten. Er brachte ihnen zehn Prozent mehr Lohn. 16 Berufsuntergruppen gibt es bei der Post mit einem Entgelt zwischen 180 bis 250 US Dollar. Das ist erheblich mehr als das Lohnminimum, so heißt der Mindestlohn in Nicaragua. Die Kosten einer typischen nicaraguanischen Familie, die aus mehr als sieben Personen besteht, lassen sich damit nicht decken. Dennoch betrachten die Gewerkschafter ihren Tarifvertrag als großen Fortschritt, denn es sei schwierig als Gewerkschaft aktiv zu sein, erzählen sie. Zwar werde die Gewerkschaft von der Regierung unterstützt und bei der Bildung des Lohnminimums einbezogen, doch es gäbe keine hauptamtlichen Gewerkschafter. Auch Geld für gewerkschaftliche Bildungsarbeit fehle. Von einem Prozent  Mitgliedsbeitrag werde täglich das warme Mittagessen für die Gewerkschaftsmitglieder bezahlt.

Die Gewerkschafter  des ver.di-Ortsvereins fuhren weiter zu einer Frauenkooperative. Sie produzieren Kleidung aus organischer Baumwolle. Sie wollen und brauchen faire Bedingungen, die in zahlreichen Betrieben in den Freihandelszonen kaum existieren. Denn Billigware für nordamerikanische  und die europäische Märkte bestimmen das Produktionsfeld. Die Freiburger besuchten Projekte zur Trinkwasserversorgung, das neue Wasserkraftwerk in Wiwili, eine Radiostation, ein Krankenhaus. Viel ist  in den vergangenen Jahrzehnten  entstanden. Am Ende bleibt die Gewissheit wiederzukommen. Wir sind eine Welt, sagen die Gewerkschafter.