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Eine gigantische Sache

Weltweit vernetzt: Verkehrsgewerkschaften

Eine gigantische Sache

Internationaler Kongress der Gewerkschaften der Verkehrsbereiche in Sofia vom 10. bis 16. August 2014 ITF Internationaler Kongress der Gewerkschaften der Verkehrsbereiche in Sofia vom 10. bis 16. August 2014

18.8.2014 +++ Es herrschte Aufbruchstimmung auf dem 43. Kongress der ITF in Sofia – und es waren viele junge Gewerkschafter dabei. Die Delegierten von 372  Verkehrsgewerkschaften beschlossen die Schwerpunkte ihrer Arbeit für die nächsten vier Jahre. Sie vertreten knapp vier Millionen Beschäftigte der Branche.

Es war der bisher größte Kongress der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), über 1700 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus 114 Ländern kamen vom 10. bis 16. August nach Sofia, Bulgarien. Ihr Motto: „Von globaler Krise zu globaler Gerechtigkeit – Verkehrsbeschäftigte setzen sich zur Wehr!“ In den sechs Tagen diskutierten sie ihre politischen Strategien, die von den jeweiligen Sektionen und Regionalgruppen der ITF entwickelt wurden, analysierten ihre gewerkschaftliche Arbeit, berichteten über ihre Erfahrungen, Erfolge und Vorhaben, knüpften weiter an dem globalen Netzwerk ihrer Lobbyarbeit für die Verkehrsbeschäftigten weltweit, beschlossen ihre Arbeitsschwerpunkte und sie wählten die neue Führungsspitze der ITF. Mit dabei waren Delegierte des ver.di-Fachbereiches Postdienste, Speditionen und Logistik. Der Vorsitzende der Bundesfachgruppe Speditionen, Logistik und Kurier-, Express-, Paketdienste und Beschäftigter beim Logistikunternehmen Kühne und Nagel Thomas Sorg, das Mitglied des Bundesfachgruppenvorstandes und Beschäftigter bei BLG Auto Terminal Hamburg Harald Meyer, und die Referentin der Bundesfachgruppe Malene Volkers.

Im Rahmen des Kongresses fanden die Konferenz der Jugend und die der Frauen statt, es kamen die jeweiligen Sektionen zu ihren Konferenzen zusammen, so auch die Sektion Straßentransport. Themenbezogene Veranstaltungen sorgten für den globalen Austausch von Informationen. So sprachen die Gewerkschafter über ihren Kampf gegen die Privatisierung der Bahn, gegen das Billigflieger-Modell, gegen die moderne Sklaverei in der Fischereiwirtschaft, über das Thema Gewalt gegen Frauen in der Verkehrsbranche, diskutierten praktische Schritte zum Ausbau der Solidarität und neue Strategien für eine bessere
Lobbyarbeit für die Verkehrsbeschäftigten. Zur Debatte standen Projekte wie die Organisierung der Lkw-Fahrer im
grenzüberschreitenden Verkehr „Cross Road“. Es richtet sich gegen die Ausbeutung von Berufskraftfahrern aus Bulgarien und Rumänien, die in Westeuropa tätig sind. Das grundlegende Ziel des Projektes sei, so erklärte der Vorsitzende der Sektion Straßentransport in der Europäischen Transportarbeiter-Föderation (ETF) Robert Parrillo, die Organisierung dieser Beschäftigten. Die Wanderarbeitnehmer unter dem Fahrpersonal dürften nicht stigmatisiert werden. Was hierfür gebraucht werde, sei eine enge Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften in West- und Osteuropa.

Es gibt nur eine wirksame Antwort auf Globalisierung

„Die Verkehrswirtschaft ist der Motor der Weltwirtschaft und die Verkehrsbeschäftigten sind der Treibstoff, der ihn am Laufen hält“, sagte der neu gewählten Generalsekretär der ITF Stephen Cotton im Vorwort zum Grundsatzpapier des Kongresses. Das zeige die Möglichkeit der großen Kraft der Beschäftigten, wenn sie organisiert handelten. Cotton sprach über die Herausforderungen, vor denen die ITF und ihre Mitgliedsgewerkschaften in den kommenden Jahren durch die Globalisierung ständen: Darüber, dass Arbeitgeber Arbeitskräfte aus allen Teilen der Welt rekrutieren können; dass Staaten ausländischen
Unternehmen Schlupflöcher für die Umgehung von Regulierungsvorschriften anböten; dass in Industrieländern Wirtschaftskrisen dafür genutzt würden, Sozialleistungen für die Bürgerinnen und Bürger zu beschneiden; dass Arbeitsplätze der Privatisierung, Restrukturierung und dem Outsourcing zum Opfer fielen und an Stelle von sicheren Arbeitsplätzen prekäre Beschäftigungsverhältnisse treten würden; dass es immer noch Regierungen und Unternehmen in der Welt gebe, die Gewerkschaften angriffen. Darauf gebe es nur eine wirksame Antwort, sagte Cotton, den Ausbau globaler, gewerkschaftlicher
Stärke. Bis 2018 hieße das vor allem, Gewerkschaftsarbeit an wichtigen Standorten der Verkehrsbranche aufzubauen, Solidarität zwischen den Gewerkschaften der dort Beschäftigten zu stärken und lieferkettenübergreifend zu arbeiten. Wichtig seien zudem Strategien gegen multinationale Unternehmen, die gegen Arbeitnehmerrechte verstoßen, betonte Cotton.

Hier setzt auch der von ver.di auf dem Kongress voran getragene Vorschlag nach stärkerer Vernetzung im Kampf für die Amazon-Beschäftigten an. Amazon beschäftigt weltweit rund 100 000 Mitarbeiter, die keiner Tarifbindung unterliegen. Amazon verweigert sich schlichtweg der Tarifbindung. Daher organisieren sich, vor allem in Europa, immer mehr Beschäftigte in den Gewerkschaften, um für bessere Arbeitsbedingungen und Tarifverträge zu kämpfen. Die ITF sagte zu, den Online-Händler Amazon gemeinsam mit dem auch für den Handel zuständigen internationalen Gewerkschaftsbund, der Fachberufs- und Dienstleistungs-Internationalen UNI, ins Visier zu nehmen. „Die Zusage der ITF ist ein weiterer Schritt für den Aufbau eines stabilen internationalen Netzwerkes, den ver.di bereits mit zahlreichen europäischen Ländern gestartet hat“, betonte die Kongressteilnehmerin und Mitglied im ver.di-Bundesvorstand Christine Behle. Es gehe um „existenzsichernde Tarifverträge für alle Beschäftigten entlang der Wertschöpfungskette“. Dafür sei es wichtig, globale Kampagnen zu organisieren, um gewerkschaftliche Stärke gemeinsam mit den Auslieferern, Speditionen und Dienstleistern bei Amazon zu entwickeln. Die ITF habe zugesichert, durch ihr globales Büro für Logistik- und Lieferketten die notwendige Infrastruktur bereitzustellen, um somit nationale und internationale Aktionen zu ermöglichen, sagte Behle.

Die Jugendarbeit ist Arbeit für die Zukunft

Über Entschließungsanträge wurde kontrovers debattiert. Es war die schwierige Aufgabe des Entschließungsausschusses, im Vorfeld alle Anträge auf Zielsetzung und Umsetzung zu prüfen und für die Plenarsitzung vorzubereiten. Es konnte zu allen eingereichten Anträgen ein tragbarer Konsens gefunden werden. ver.di setzte sich besonders für den Antrag des Ausbaus der Jugendarbeit der ITF ein. Während in ver.di die Jugendarbeit ihren gleichwertigen Platz hat, befindet sich in etlichen Regionen die Einbindung junger Verkehrsbeschäftigter in die ITF noch im Aufbau. Deshalb beinhaltete der Antrag zu Jugendarbeit den Appell an die ITF, personelle Kapazität für die Jugendarbeit zu schaffen, junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus den verschiedenen Sektionen und Regionen für die ITF zu gewinnen und die Sommerschulen für junge Gewerkschafter weiterzuführen. Der Antrag wurde von der Jugendkonferenz der ITF beschlossen und das Plenum des Kongresses nahm ihn an.

Der gesamte Kongress und besonders die Jugendkonferenz war „eine gigantische Sache, Solidarität, Stärke und Bereitschaft den globalen Herausforderungen zu begegnen, hautnah erlebbar“, meinte Robin Faber, der im ver.di-Fachbereich Postdienste, Speditionen und Logistik stellvertretender Vorsitzende des Bundesfachbereichsjugendfachkreises ist und in der Spedition Piano-Express in Lichtenfels arbeitet.

Lisa Gneiße, Delegierte vom ver.di-Fachbereich Verkehr und Beschäftigte bei der Bremer Straßenbahn AG berichtete: „Für mich war es der erste ITF-Kongress und ich bin immer noch total beeindruckt. So viele Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, die ihre Erfahrungen im Verkehrsbereich und ihre gewerkschaftliche Überzeugung mitbringen. Standpunkte sind vielfältig. Da werden Diskussionen auch schon mal emotionaler, Redebeiträge lauter; doch immer waren Respekt und fairer Umgang mit den anderen vorhanden. Und so hatte ich während der ganzen Woche das Gefühl, nicht nur Teil der ver.di-Delegation, sondern der großen ,ITF- Familie‘ zu sein. Faszinierend war auch, einen Einblick in die Arbeit anderer Sektionen zu erhalten. So ist mir die Bedeutung der Billigflaggenkampagne deutlich geworden. Wie sich diese Themen und unsere Beschlüsse in den nächsten Jahren weiterentwickeln, diesen Prozess werde ich auf jeden Fall begleiten. Und darauf bin ich stolz.“

 „Viva ITF! Mit diesem Ruf endete so mancher Redebeitrag und ich könnte so auch den Kongress zusammenfassen“, resümierte die Jugendsekretärin im ver.di-Bundesfachbereich Verkehr, Vera Visser, ihre Kongresswoche. „Highlight war für mich zum einen die Wahl von Stephen Cotton zum ITF-Generalsekretär. Stephen ist ein toller Kollege und wird die ITF in den nächsten Jahren sicherlich prägen. Zum anderen war die Jugendkonferenz wirklich bewegend. Wir konnten sehen, was wir, die junge Generation in den ersten vier Jahren nach Aufnahme der Jugendarbeit in die ITF-Satzung erreicht haben. Wir haben uns für die nächsten Jahre viel vorgenommen. Ich bin stolz, Teil der ITF zu sein und mit dem Jugendkomitee in den nächsten Jahren unsere Planungen in die
Tat umzusetzen.“

Auf die Frage, was ihn am meisten auf dem Kongress bewegt hat und was ihm für seine Gewerkschaftsarbeit wichtig ist, sagte der Vorsitzende der Bundesfachgruppe Speditionen, Logistik und Kurier-, Express-, Paketdienste in ver.di Thomas Sorg: „Mich hat die Lebendigkeit des Kongresses sehr beeindruckt. Schon die Präsentation des Geschäftsberichts durch die Kolleginnen und Kollegen, die für einzelne Projekte verantwortlich waren, zeugte von Aufbruchstimmung. Dieser Auftakt machte – ich glaube uns allen – deutlich, dass in der ITF ein neuer, frischer Wind weht. Auch der Antrag der Jugend und der Antrag zum Kampf gegen Gewalt gegenüber Frauen waren beeindruckende Zeugnisse einer neuen Kultur in der ITF. Steckte die Jugendarbeit in der ITF vor
vier Jahren noch in den Kinderschuhen, ist sie mittlerweile ein elementarer Bestandteil der ITF-Arbeit. Dies dokumentierten auch die über 270 ,Young ITF-Workers‘, die zur Antragsberatung geschlossen auf die Bühne gekommen waren. Beim Antrag der Frauen zum Kampf gegen Gewalt gegenüber weiblichen Beschäftigten in der Branche gingen alle Kolleginnen auf die Bühne und forderten uns Männer zum gemeinsamen Schwur auf. Wir schworen, wo immer Gewalt gegen Frauen auftritt, uns aktiv dagegen einzusetzen, sie zu bekämpfen und anzuprangern. Ein echter Gänsehautmoment im Kongress. Aus der Sicht unserer  Fachgruppe war die ,Entdeckung‘ der Logistik und die Bedeutung der Supply Chain der entscheidende Schritt in eine veränderte
Arbeit der ITF. Ich hatte bereits vor vier Jahren beim letzten Kongress in Mexiko City die verstärkte Hinwendung der Organisation zu den stationären Bereichen, also den Lagerbereichen der Speditionen und der Logistik, angemahnt. Was keineswegs eine Abkehr von der bisherigen Politik, den Fahrerbereich zu organisieren, bedeutet. Doch das allein reicht nicht mehr aus. Wir wissen das nur zu gut aus unseren Erfahrungen. Die Anfälligkeit der globalisierten Wirtschaft bei einer wie auch immer gearteten ,Störung‘ der Lieferkette durch uns oder unsere Kollegen in Asien, Afrika oder anderen Teilen der Welt, ist unsere Chance auch in einer total deregulierten Welt die Arbeitgeber zu guten und fairen Arbeitsbedingungen zu zwingen. Diese Erkenntnis wurde vom Kongress einmütig geteilt. Obwohl das für viele Gewerkschaften eine nicht einfach zu bewerkstelligende Ausweitung ihres Organisationsbereiches bedeutet. Das müssen wir uns in Europa immer bewusst machen, weil dieser Ansatz für uns bereits zum
gewerkschaftlichen Alltag gehört.“

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