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Die Kisten werden auf’s Fahrrad gestellt

Die Kisten werden auf’s Fahrrad gestellt

Gegen den geplanten Börsengang der portugiesischen Post CTT Correios de Portugal wehren sich die Beschäftigten. In Évora protestierten die portugiesischen Postgewerkschaften gemeinsam mit den Delegierten der UNI-Konferenz. ver.di Gegen den geplanten Börsengang der portugiesischen Post CTT Correios de Portugal wehren sich die Beschäftigten. In Évora protestierten die portugiesischen Postgewerkschaften gemeinsam mit den Delegierten der UNI-Konferenz.

26.9.2013 +++ Technische Veränderungen waren ein Thema der UNI Europa-Konferenz für Post und Logistik.

 „Wir sollten Veränderungen nicht aufhalten, aber wir sollten deren Architekten sein“, so beschrieb der stellvertretende Generalsekretär des Weltpostvereins Pascal Clivaz sein Verständnis zu einer dem Gemeinwohl verpflichteten Postpolitik. Rund 120 Delegierte und Gäste aus 21 verschiedenen europäischen Ländern, darunter neun Delegierte von ver.di, nahmen vom 23. bis 25. September 2013 an der europäischen Konferenz der Gewerkschaftsinternationalen UNI für den Sektor von Postdiensten und Logistik in der portugiesischen Stadt Évora, nahe Lissabon, teil. Alle vier Jahre findet die Europakonferenz statt.

Der Weltpostverein ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Seine Hauptaufgabe es ist, die weltumspannende Zustellung von Briefen und Paketen sicherzustellen. Rund sieben Millionen Menschen sind weltweit im Postsektor beschäftigt. Die Herausforderungen sind immens. Speziell in Europa ist die Postbranche von zwei zentralen Elementen geprägt. Erstens von der seit Ende der 80er-Jahre eingeleiteten Privatisierungs- und Liberalisierungspolitik, zweitens durch den technischen Fortschritt. Dieser technische Fortschritt betrifft die postalische Dienstleistung selbst: Die Substitution des klassischen Briefes durch E-Mail und andere elektronische Kommunikationsformen sowie das Wachstum des Paketvolumens durch den Internethandel sind hier die Stichworte. Der technische Fortschritt hat aber auch Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe der Beschäftigten: Gangfolgesortierung, mechanisierte Zustellbasen, Sendungsverfolgung oder auch veränderte Zustellzeiten sind hier die Stichworte. Dementsprechend waren die Privatisierung und Liberalisierung sowie die Auswirkungen technischer Veränderungen die beiden prägenden Schwerpunkte bei der Antragsberatung und Diskussion auf der Konferenz.

Der ver.di-Delegierte Thomas Hampel von der Niederlassung Brief Nürnberg der Deutschen Post AG berichtete auf der Konferenz von den veränderten Arbeitsabläufen durch die immer leistungsfähigeren Gangfolgesortiermaschinen. „Die Vorbereitungszeiten der Zustellerinnen und Zusteller sind zusammengeschrumpft. Wir bekommen praktisch fertig sortierte Kisten, die auf’s Fahrrad gestellt werden. Der Zusteller verbringt die meiste Zeit draußen“, so Hampel. Über die Veränderungen in Norwegen berichtete eine Beschäftigte, die auf einer kleinen Insel des Landes arbeitet. Auch bei der norwegischen Post seien durch moderne Maschinen die Vorbereitungszeiten kürzer geworden, es würden mehr Zeitanteile für das Zustellen von Briefen und Paketen sowie für Bankgeschäfte aufgewendet. In den Städten würden die Kolleginnen und Kollegen derzeit sechs bis sieben Stunden täglich draußen arbeiten. Dies werfe die Frage nach guter Schutzkleidung auf. Auch komme dem Auto aufgrund der Verschiebung der Sendungsarten von Brief zu Paket und den damit einhergehenden schwereren Gewichten und größeren Bezirken eine immer größere Bedeutung zu. Auch in Schweden sind die Auswirkungen der Gangfolgesortierung und des sinkenden Briefvolumens spürbar. Die Wegstrecken für die Zusteller würden länger. Auch gingen durch die hohe Durchdringung der Bevölkerung mit dem Internet physische Briefe vor allem aus dem Bereich der öffentlichen Verwaltung verloren. Zum Teil versuche man dem Verlust von Vollzeitarbeitsplätzen durch geteilte Dienste am Morgen und am Abend zu begegnen. Das seien Felder, in denen die Gewerkschaft ihren Gestaltungsanspruch geltend mache, erklärte der schwedische Gewerkschafter. 

Während in den nord- und mitteleuropäischen Ländern die Privatisierung der Postunternehmen und die Liberalisierung des Marktes weitgehend vollzogen oder aber im Falle Norwegens – das nicht nur EU gehört – politisch verhindert wurde, ist die Situation in den süd- und osteuropäischen Ländern zum Teil noch in deutlich unklaren Fahrwasser. Auch gibt es Druck durch die mit dem europäischen Rettungsprogramm verbundenen Sparauflagen. Die portugiesische Post, die CTT Correios de Portugal, ist seit 1992 eine Aktiengesellschaft, die dem Staat gehört. Sie hat rund 13 000 Beschäftigte. Noch in diesem Jahr soll das Unternehmen an die Börse gebracht werden. Der Staat hat vor, einen Anteil von 30 Prozent zu behalten. Dagegen wehren sich die Beschäftigten. Im Zuge der Konferenz in Évora protestierten die portugiesischen Postgewerkschaften gemeinsam mit den Delegierten aus den anderen europäischen Ländern gegen diese Privatisierung. Auch der nun bereits vollzogene Schritt der britischen Regierung, die staatliche Royal Mail an die Börse zu bringen, war Thema der Konferenz. Obwohl zwei Drittel der Bevölkerung und die 170 000 Beschäftigten der Royal Mail aus guten Gründen einen Börsengang ablehnen, ist die liberal-konservative Regierung in Großbritannien diesen Weg gegangen. 

Über die Situation der Beschäftigten auf dem liberalisierten Postmarkt berichtete die ver.di-Delegierte und Landesbezirksfachbereichsleiterin für Berlin und Brandenburg Benita Unger. Sie schilderte den Kampf der ver.di-Mitglieder bei der Pin Mail AG für kollektiv geregelte Arbeitsbedingungen.

Die Delegierten haben vier Anträge angenommen, die sich mit den Themen der guten Ausgestaltung sich ändernder Arbeitsbedingungen, der sozialen Regulierung, dem Schutz des Universaldienstes und einer positiven Wachstumsperspektive für Europa insgesamt befassen. Sie sind Richtschnur für das Handeln in den kommenden vier Jahren. 

Auf der Konferenz wurde Ingeborg Saetre aus Norwegen für weitere vier Jahre als Vorsitzende von UNI Europa Post und Logistik gewählt. Ihr Stellvertreter ist ebenfalls für vier weitere Jahre Steve Fitzpatrick aus Irland. Neben der Vorsitzenden und ihrem Stellvertreter gehören dem sogenannten Lenkungsausschuss, der die Geschicke zwischen den Konferenzen leitet, acht weitere Mitglieder an. In den Lenkungsausschuss wurde für die Region Deutschland, Österreich und die Schweiz der Bereichsleiter in ver.di Stephan Teuscher gewählt.