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Krank zur Arbeit? Du bist leider nicht allein

Krank zur Arbeit? Du bist leider nicht allein

Wenn die Nase läuft, der Bauch bei jeder Bewegung schmerzt, man aus dem Husten nicht mehr herauskommt, schlapp ist, sich aber dennoch zur Arbeit kämpft, spricht man von Präsentismus. Anstatt sich zu erholen um schnell wieder gesund zu werden, versucht man irgendwie durch den Arbeitsalltag zu kommen.

© Diana Polekhina via Unsplash

Präsentismus kann üble Folgen haben: Du hast auf der Arbeit ein höheres Unfallrisiko, da du dich nicht so gut konzentrieren kannst und auch nicht so leistungsfähig bist. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass du deine Erkrankung verschleppst, wodurch es zu längeren Ausfallzeiten kommen kann. Gesunde Kolleg*innen können zudem auch angesteckt werden.

Krank zur Arbeit zu gehen ist dennoch leider weit verbreitet: Im Jahr 2019 gaben im DGB-Index Gute Arbeit zwei Drittel der Befragten an, dass sie in den letzten 12 Monaten trotz Krankheit zur Arbeit gegangen sind. Bei Kolleg*innen die im Arbeitsalltag stark überlastet sind, gehen 76 Prozent krank zur Arbeit (siehe Grafik). Hierbei ist sogar jede*r Vierte mehr als zwei Wochen mit Krankheitssymptomen an ihren Arbeitsplatz anzutreffen.

Präsentismus hängt vor allem mit den Arbeitsbedingungen zusammen. Umso höher die Arbeitsbelastung, desto eher gehen Beschäftigte krank zur Arbeit:

  • Da es keine Vertretungsstrukturen gibt, wartet ein großer Stapel mit Arbeit nach der Krankheitszeit auf einen,
  • eine dünne Personaldecke, welche dazu führt, dass die Kolleg*innen noch mehr als sonst zu tun haben,
  • die Angst vor Nachteilen wie ein verwehrter beruflicher Aufstieg oder ein befristeter Arbeitsvertrag, der bei größeren Fehlzeiten vielleicht nicht verlängert wird.

All dies trägt dazu bei, dass Beschäftigte lieber krank zur Arbeit gehen, anstatt eine Krankmeldung einzureichen.

 

Mehr als 20 Ausfalltage bei der Deutschen Post AG? Übernahme nur befristet

Im Konzern Deutsche Post DHL sind Ausfalltage ein Übernahmekriterium für ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis. Dies betrifft die Auszubildenden sowie die befristeten Beschäftigten. Bei der Deutschen Post AG gibt es für die Auszubildenden Fachkräfte für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen (FKEP) sogar einen Kriterienkatalog, der für die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis herangezogen wird: Die Auszubildenden FKEP dürfen hier nicht mehr als 20 krankheitsbedingte Ausfalltage aufweisen und dies darf auch nur in sechs Fällen geschehen. Wird diese Zahl während der Ausbildung überschritten, wird regelmäßig ein befristeter Arbeitsvertrag von einem Jahr ausgestellt, sofern seitens der ausbildenden Organisationseinheit eine positive Eignungseinschätzung vorliegt. Die Übernahmekriterien der Deutschen Post AG tragen dazu bei, dass Auszubildende und befristet Beschäftigte krank an ihren Arbeitsplatz gehen, da sie Angst vor einem Jobverlust haben.

„Viele Kolleginnen und Kollegen gehen krank zur Arbeit wegen der Entfristungskriterien der Deutschen Post. Denn wenn sie zu viele Krankentage haben, dann sieht es ,schwarz aus‘. So wird auch zur Arbeit gegangen, selbst wenn man so krank ist, dass man eigentlich gar nicht arbeiten kann, zum Beispiel wenn man es im Rücken hat oder Knieprobleme.“

Dennis Rößler, Landesbezirksfachbereichsvorstand Niedersachsen/Bremen und Betriebsrat NL Betrieb Magdeburg

So war dies auch bei einer Kollegin, welche bei der Deutschen Post arbeitet. Sie schilderte der bewegen, wie sie krank zur Arbeit ging:

Als ich bei der Deutschen Post angefangen habe, erhielt ich nur einen Jahresvertrag. Gleich nach zwei Wochen bin ich bei der Arbeit unglücklich gestolpert, musste operiert werden und fiel für ein halbes Jahr komplett aus. Als ich zurückkehrte, bekam ich auch nur einen befristeten Vertrag für ein Jahr. Ein Kollege hatte sich damals stark für mich eingesetzt, damit ich überhaupt wieder meinen Job aufnehmen konnte. Nach dieser Zeit wurde mein Vertrag auch wieder nur um ein weiteres Jahr verlängert, dann nur für ein halbes Jahr und dann für drei Monate als Elternzeitvertretung.

Da die Vertragsdauer immer kürzer wurde, hatte ich richtig Angst um meinen Job. Deshalb bin ich auch zur Arbeit gegangen, als ich krank war. Selbst mit Fieber habe ich mich zur Arbeit geschleppt, bis gar nichts mehr ging und ich einmal sogar eine Tour abbrechen musste. Ich habe dann sogar Urlaub genommen, um keine Krankentage zu sammeln. Das hat mich total kaputt gemacht.

Der ver.di-Betriebsrat hat sich damals stark für mich gemacht. Jetzt habe ich endlich einen unbefristeten Vertrag. Denn ich habe richtig Bock auf diesen Job und mache ihn sehr gerne. Doch auch heute wirkt diese Zeit noch nach und wenn ich krank bin, dann gehe ich trotzdem zur Arbeit. Trotz einer jetzt unbefristeten Stelle ist diese Angst vor einem Jobverlust immer noch bei mir da.

Die Kolleginnen und Kollegen nehmen sich auch einen Tag Urlaub oder Überzeit, um Krankentage zu minimieren. Besonders häufig handeln die befristeten Kolleg*innen so. Dies liegt vor allem an den vom Unternehmen einseitig aufgestellten Kriterien für die Entfristung. Wenn du zu viele Ausfalltage hast, dann wirst du nicht unbefristet übernommen.

Isabell Senff
Bundesfachbereichsvorstand und Gewerkschaftsrat, Betriebsrat NL Betrieb Leipzig

ver.di setzt sich für unbefristete Beschäftigungsverhältnisse ein

Befristete Arbeitsverhältnisse sind ein Grund dafür, dass Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gehen. Da rund 15 Prozent der Beschäftigten bei der DP AG einen befristeten Vertrag haben, hat ver.di Ende April dieses Jahres die Initiative (un)befristet ins Leben gerufen. Denn befristete Beschäftigungsverhältnisse bei der Deutschen Post müssen endlich der Vergangenheit angehören. Mit einer Themenwoche und vielen betrieblichen Aktionen wurde Druck aufgebaut, damit so viele Kolleg*innen wie möglich entfristet werden. 

Anfang September gab es den ersten Erfolg: Die Deutsche Post verkündete, 5000 Kolleg*innen bis zum Ende des Jahres zu entfristen. Dieser Erfolg ist durch den unermüdlichen Einsatz der vielen aktiven ver.di-Mitglieder, des Gesamtbetriebsrates und der vielen engagierten Betriebsräte vor Ort erst möglich gewesen.

Doch dies ist nur ein erster Schritt. ver.di bleibt dran, für mehr Arbeitsverträge mit Zukunft bei der DP AG. Niemand sollte sich krank zur Arbeit schleppen aus Angst, den Job zu verlieren. Dafür macht sich ver.di stark!