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Nicht auffressen lassen!

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Nicht auffressen lassen!

15.8.2017 +++ In der Brief-, Verbund- und Paketzustellung arbeiten bei der Deutschen Post AG und den DHL Delivery GmbHs bundesweit rund 100 000 Zustellerinnen und Zusteller. Weitere rund 50 000 Kolleginnen und Kollegen sind in der stationären Bearbeitung, in der Produktion, im Vertrieb oder in anderen Bereichen tätig. Wie umgehen mit steigenden Anforderungen und Belastungen bei der Deutschen Post AG und den DHL Delivery GmbHs?

Zwei Beschäftigte arbeiten mit Stapeln von Paketen Heiko Kempken/FUNKE Arbeiten bei der Post und DHL

Dabei ist kein Tag wie der andere. Die Produkte verändern sich, die Sendungsmengen sind unterschiedlich, Bezirke werden anders geschnitten. Die Arbeit in der Produktion, die Technik, die Betriebsmittel und auch die Zugänge zu den Kunden ändern sich. Durch Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen ist die Arbeit der Beschäftigten gut abgesichert und praktisch ausgestaltet. Dabei ist klar, dass die Regelungen zum Schutz und Wohle der Beschäftigten nicht vom Himmel fallen, sondern das Ergebnis eines hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrades und des geschlossenen Handelns von ver.di und Betriebsräten sind. Der Konzern Deutsche Post DHL ist eine an der Börse notierte Aktiengesellschaft und der Gewinn steht an oberster Stelle. Das spüren natürlich die Beschäftigten in ihrer täglichen Arbeit. Wie geht man mit den steigenden Anforderungen und der Belastung um? Darüber sprachen wir mit der Psychologin Eva Haberkern. Sie ist beim CAIDAO Institut für Betriebsratsberatung angestellt und arbeitet mit ver.di in der Frage der Gefährdungsbeurteilung zusammen.

Portrait E. Haberkern Sandra Kawohl Eva Haberkern

Frage | Mal ganz allgemein gefragt: Wie siehst du die Belastungssituation der Beschäftigten?

Eva Haberkern | Aufgrund des blühenden Onlinehandels nimmt die Zahl der Pakete täglich zu. Für die Beschäftigten heißt das vor allem körperliche Belastung. Sie müssen jeden Tag zum Teil auch sehr schwere Pakete schleppen. Im Zusammenspiel mit Zeitdruck aufgrund von steigenden Sendungsmengen kommt allerdings auch eine psychische Belastung hinzu: Das Gefühl, „ich schaffe meine Arbeit nicht in der mir zur Verfügung stehenden Zeit“. Empfundener Stress führt aber auch zu mehr Fehlern wie zum Beispiel Unfällen. In der stationären Bearbeitung sind die Belastungen vor allem monotone Bewegungen und ebenso der Zeitdruck an den Maschinen. Wenn die Zustellerinnen und Zusteller mit ihrer Arbeit nicht hinterherkommen, entsteht ein weiterer Stressfaktor: Genervte Kundinnen und Kunden bei der Zustellung. Weitere Belastungen wie die Verkehrssituation oder Witterungsbedingungen kommen noch hinzu.

Frage | Wenn es um Führung geht, kommt man um das Modell der „indirekten Steuerung“ nicht herum. Was ist damit gemeint?

Eva Haberkern | Mit indirekter Steuerung ist gemeint, dass man das Verhalten der Mitarbeiter – wie der Name schon sagt – weniger direkt durch eine Führungskraft steuern will und kann. Der traditionelle direkte Führungsstil, der mit Lob und Tadel – oder im Volksmund mit Zuckerbrot und Peitsche – arbeitet, war einigen Führungskräften noch nicht effektiv genug. In neuen Managementsystemen will man bei den Beschäftigten ein Gefühl der Eigenverantwortlichkeit hervorrufen, ohne dass sie wirklich selbstständige Unternehmer sind. Selbstständige arbeiten bekanntlich häufig bis zum „Umfallen“ und ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit, da sie sonst den Auftrag oder den Kunden verlieren und somit ihre Existenz gefährdet ist. Dieses Gefühl des Überlebenswillens beziehungsweise Unternehmertums macht man sich bei der indirekten Steuerung zunutze. Sinnbild dafür ist das Krokodil. Es treibt die Beschäftigten wie eine unsichtbare Macht vor sich her. Wer innehält läuft Gefahr, aufgefressen zu werden.

Es gibt zahlreiche Beispiele wie indirekt die Leistung der Beschäftigten gesteigert werden soll. Durch Zielvereinbarungen oder aber durch die Erhöhung der Arbeitsmenge bei gleichbleibender Arbeitszeit entsteht Leistungsdruck. Durch Vergleiche zwischen Kollegen, Teams und Standorten entstehen Konkurrenzgedanken und die Solidarität vor Ort lässt nach. Durch die Betonung der Kundenwünsche und der starken Wettbewerber am Markt wird den Beschäftigten Angst gemacht, dass ihr Arbeitsplatz in Gefahr sei, wenn nicht alle an „einem Strang“ zögen.

Frage | Welche Einblicke hast du da bezogen auf die Postunternehmen? Wie wirkt dort die indirekte Steuerung?

Eva Haberkern | Die oben genannten Beispiele lassen sich gut bei der Deutschen Post AG beobachten. Mir wurde von Betriebsräten berichtet, dass durch Vergleiche mit anderen Kollegen, die einen ähnlichen Bezirk haben, Druck aufgebaut werden würde. Außerdem würde durch die Betonung der anderen Wettbewerber im Markt Unsicherheit und Angst um den eigenen Arbeitsplatz geschürt. Nach dem Motto: „Wenn ihr es nicht schafft, die Wettbewerber schlafen nicht“. Oft sei die Arbeit nicht mehr zu schaffen. Dies würde nicht nur Druck erzeugen, sondern auch Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeit. Besonders befristet Beschäftigte sind gefährdet, sich auf Kosten ihrer Gesundheit zu engagieren, denn sie müssen jeden Tag um ihren Job bangen und haben das Ziel der Festanstellung.

Tipps im Umgang mit indirekter Steuerung

  • Mache dir bewusst, dass das Unternehmen den Kunden konkurrenzfähige Leistungen zu möglichst geringen Kosten anbieten will. Mache dieses Problem nicht zu deinem Problem, sondern...
  • Achte auf dich und deine Gesundheit! Du willst auch noch im Rentenalter dein Leben gesund genießen können!
  • Pragmatismus statt Perfektionismus: Du schaffst, was du schaffst. Was du nicht schaffst, machst du morgen.
  • Was am Ende bleibt ist deine Gesundheit.

       

Frage | Was macht das mit den Beschäftigten? Was bedeutet das im Arbeitsalltag für die Zustellerin oder den Zusteller?

Eva Haberkern | Ein Symptom der indirekten Steuerung ist die Beobachtung von Betriebsräten, dass Kolleginnen und Kollegen vor dem regulären Arbeitsbeginn anfangen „wollen“ zu arbeiten und über ihren Dienst hinaus arbeiten, um alle Kunden zu bedienen sowie am nächsten Tag nicht vor einem Berg liegen gebliebener Post zu stehen. Auch würden Zustellerinnen und Zusteller krank zur Arbeit gehen, damit die Kolleginnen und Kollegen nicht noch mehr zu tun hätten. Dieses „motivierte“ Verhalten nennt der Philosoph Dr. Klaus Peters „interessierte Selbstgefährdung“. Die Menschen befinden sich in einem dauerhaften Stresszustand. Wenn der Körper in ständiger Alarmbereitschaft ist und keine Erholungsphasen mehr hat, dann werden die Menschen krank. Diese negativen Beanspruchungsfolgen führen häufig zu stressbedingten Erkrankungen wie Depressionen, Ängsten und Zwängen. Psychosomatische Erkrankungen wie Kopf- und Rückenschmerzen sowie Magen-Darm-Beschwerden gehen mit anhaltenden Belastungssituationen einher. Der Krankenstand bei der Deutschen Post AG spricht dabei für sich.

Frage | Was kann die oder der einzelne Beschäftigte tun? Was kann der Betriebsrat machen?

Eva Haberkern | Jeder Mensch muss für sich einen Weg finden mit den steigenden Belastungen umzugehen und sich selbst zu schützen. Indem man sich die Wirkungsweise und die Folgen der indirekten Steuerung bewusst macht und sich kritisch damit auseinander- setzt, mit Kollegen darüber spricht und gemeinsam einen Weg findet, sich gegenseitig zu unterstützen, ist schon ein erster Schritt getan. Wenn jede und jeder für sich allein im Hamsterrad so schnell läuft wie er oder sie kann, wird sich das Hamsterrad immer schneller drehen. Deshalb heißt es: Miteinander reden und zusammenstehen, sich bewusst machen, dass man nur diese eine Gesundheit hat und dieses eine Leben.

Der Betriebsrat kann bei den Beschäftigten das Bewusstsein für die eigene Gesundheit anregen und Aufklärungsarbeit leisten. Er kann aber auch durch die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung physische und psychische Belastungen beim Thema Gesundheit vor Ort mitbestimmen. Dafür ist ein langer Atem nötig. Denn indirekte Steuerung kann sicher nicht durch die Beschäftigten oder den Betriebsrat abgeschafft werden, aber die Rahmenbedingungen können Schritt für Schritt gemeinsam verändert werden. Ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad hilft den Betriebsräten und der Gewerkschaft das gemeinsame Interesse an gesunden Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Frage | Zum Schluss eine vielleicht nicht ganz so ernst gemeinte Frage: Hast du ein Stoffkrokodil im Bett?

Eva Haberkern | Nein leider noch nicht. Und wenn ich eins hätte, wäre es sicher schon längst ins Bett meiner Tochter verschwunden... Für unser Büro haben wir aber vor ein paar Tagen ein Spielzeugkrokodil bestellt – natürlich online. Es ist auf dem Weg zu uns mit der DHL Delivery GmbH.

Diskrepanz zwischen zu hoher Arbeitsmenge, Qualitätsanspruch und begrenzter Zeit wird illustriert CAIDAO Viele Beschäftigte empfinden Zeit- und Leistungsdruck bei der Arbeit. Dabei handelt es sich um die subjektive Wahrnehmung eines objektiven Leistungsproblems. Die Diskrepanz zwischen zu hoher Arbeitsmenge, Qualitätsanspruch und begrenzter Zeit wird als belastend erlebt.

Bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Betrieb sind Betriebsvereinbarungen zur Gefährdungsbeurteilung – kurz GeBu – ein wichtiges Element. Der Film zeigt, was eine solche Vereinbarung den Beschäftigten bringt und im Interview erzählt ein Betriebsrat wie es gelingt.