Erfolgreiche Betriebsratsarbeit in der Transformation

03.07.2024
Nicole Richter

Weil die Kolleginnen und Kollegen meinten, sie habe die „Gusche am rechten Fleck“, schlugen sie Nicole Richter Mitte der 1990er Jahre für den Betriebsrat vor. Gesagt, getan: Wenige Jahre nach ihrer Ausbildung bei der Deutschen Post zum „Postfacharbeiter“, die 1991 startete, ließ sie sich in der Niederlassung Betrieb Erfurt aufstellen. Der damalige rasche Wechsel in den Betriebsrat war konsequent: „Ich habe von Anfang an meine Meinung vertreten und mich für die Beschäftigten eingesetzt“, so die heute 49-Jährige.

Mit einigen Unterbrechungen macht Nicole nun seit fast 30 Jahren Betriebsratsarbeit, seit 2022 ist sie als Betriebsratsvorsitzende zuständig für derzeit rund 3.000 Mitarbeiter*innen. Sie ist überzeugt: Für die Interessen der Beschäftigten einzutreten, sei heutzutage wichtiger denn je: weil man immer mit der Willkür des Arbeitgebers rechnen müsse, weil man den Beschäftigten die Tarifverträge nahebringen müsse, weil man darauf achten müsse, dass Tarifverträge und Gesetze eingehalten werden. „Leider versucht die Deutsche Post AG immer öfter, Schlupflöcher zu finden, um tarifvertragliche Regelungen zu umgehen.“ Umso wichtiger sei es, eine starke ver.di-Interessenvertretung zu haben, weil ver.di gute Tarifverträge abschließt.

 

Salamitaktik des Arbeitgebers

Ein Knackpunkt sei die von der Digitalisierung gepuschte voranschreitende Flexibilisierung. „Im Betrieb findet eine Transformation statt. Maschinen werden immer fitter, auch in der Feinsortierung. Viele Arbeitsvorgänge, die bisher händisch gemacht wurden, erledigen nun Maschinen.“ Immer wieder finden Bemessungen zum Personalbedarf statt, mit dem Ziel, die Arbeitskosten zu senken. „Arbeitsplätze werden definitiv wegfallen – wegen des sinkenden Briefaufkommens zunächst in den Briefzentren, langfristig auch in der Auslieferung.“ Der Arbeitgeber verfolge eine Salamitaktik, da müsse man auf der Hut sein.

Andererseits hat ver.di einiges erreicht: „Wir sind stolz darauf, einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 31. März 2027 durchgesetzt zu haben. Ein großer Erfolg mitten in der Transformation! So etwas gibt es in den wenigsten Firmen.“ Außerdem konnten in der stationären Bearbeitung viele Beschäftigte unbefristet auf eine höhere Wochenarbeitszeit umswitchen. „Das ist eine große Errungenschaft – wir hatten teilweise Beschäftigte mit 15 Wochenstunden und weniger.“

Für bestehende befristete Arbeitsverhältnisse konnten Entfristungen erreicht werden; neue Mitarbeiter*innen werden nun in der Regel gleich unbefristet eingestellt. Und schließlich konnte in der Zustellung ein entspannteres und attraktiveres Dienstplanmodell etabliert werden – mit kürzeren täglichen Arbeitszeiten und mehr freien Samstagen. „Das ist wichtig, um die Arbeit attraktiver zu machen.“

 

 
Nicole Richter mit Kolleg*innen

Pilotprojekt sucht Nachahmer

Nicht zuletzt gibt es ein niederlassungsinternes Projekt, das vor allem ältere und leistungsgeminderte Beschäftigte mit einer geringeren Tagesarbeitszeit entlastet. „Noch ist es ein Pilot. Aber wir hoffen, dass er fortgesetzt wird und anderswo Nachahmer findet.“

Entspannung findet die resolute Betriebsrätin, die in einem kleinen Ort im Kyffhäuserkreis wohnt, bei langen Spaziergängen mit ihrer Labradorhündin. „Ein ideales Mittel, um nach anstrengenden Tagen runterzukommen.“

Ute Christina Bauer