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„Kolleg*in ist Kolleg*in – egal wo man herkommt.“

„Kolleg*in ist Kolleg*in – egal wo man herkommt.“

Die Bundesrepublik Deutschland ist schon seit ihrer Gründung ein Einwanderungsland. Migrant*innen machen einen beträchtlichen Teil des Arbeitsmarkts aus. In den nächsten Jahren werden immer mehr Menschen nach Deutschland ziehen, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. In den Postdiensten sowie der Speditions- und Logistikbranche ist das nicht anders: Es gibt Betriebe, wo eine Mehrheit der Belegschaft aus ausländischen Beschäftigten besteht.

Als demokratische Organisation, die für die Wahrung der Menschenrechte einsteht, versteht ver.di das Vorantreiben von sozialer Teilhabe und die Förderung der gesellschaftlichen Integration von Migrant*innen als elementare Aufgabe. Zudem vertritt ver.di als Gewerkschaft die Interessen unserer Mitglieder als Arbeitnehmer*innen. Dies ist nur möglich, wenn wir uns dabei nicht durch Nationalität, Hautfarbe oder Religion spalten lassen. Die Integration und gewerkschaftliche Organisierung von ausländischen Kolleg*innen ist somit grundsätzlich wichtig, um Forderungen für alle Arbeitnehmer*innen durchzusetzen.

Das Projekt Connect – Vielfalt durch Teilhabe vom DGB-Bildungswerk Thüringen e.V. beschäftigt sich mit Fragen der betrieblichen Demokratie. Nach dem Grundsatz „Kolleg*in ist Kolleg*in – egal wo man herkommt“ setzen sich Kollege Oliver Preuss und Kollegin Anne Willecke zusammen mit ver.di und Betriebsrät*innen in Thüringen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Rassismus, Ausgrenzung und Rechtsextremismus im Betrieb ein. Bildungsreferent Oliver Preuss und ver.di-Gewerkschafts-sekretär Frank Günther berichteten über ihre Erfahrung im Gespräch mit der be.wegen.

Die Kolleg*innen beim Paketzentrum von der Deutschen Post AG in Nohra gehen mit gutem Beispiel voran. Mit der Unterstützung von -Connect – Vielfalt durch Teilhabe hat der Betriebsrat sich sowohl an deutsche als auch ausländische Kolleg*innen gewandt, um Verbesserungen für alle Kolleg*innen zu erreichen. Anlass für die Einladung für das Projekt war die unzureichende Einarbeitung von ausländischen Beschäftigten. Das stellte für alle Beteiligten ein Problem dar: Bei hoher Belastung wird jede*r Kolleg*in gebraucht – doch in vollem Ausmaß arbeiten kann nur, wer auch richtig eingearbeitet wurde.

Das Projekt hat als erstes auf einer Vertrauensleutekonferenz die mehrheitlich deutschen Kolleg*innen dafür sensibilisiert, welche zusätzlichen Schwierigkeiten die neuen Kolleg*innen zum Beispiel mit Aufenthaltsgenehmigungen haben. Dies habe sehr viel gebracht und zu einem Umdenken bei vielen deutschen Kolleg*innen geführt, erzählt ver.di-Gewerkschaftssekretär Frank Günther. Die Ansprache hat viele Kolleg*innen von der Haltung überzeugt, dass man mehr für ausländische Kolleg*innen machen müsse, um Hürden zu beseitigen, die deutsche Beschäftigte nicht haben.

Zusammen haben der Betriebsrat, ver.di und das Projekt überlegt, wie man ausländische Kolleg*innen bei den anstehenden Betriebsratswahlen besser einbinden kann. Viele Kolleg*innen, die aus dem Ausland kommen, kennen das deutsche Mitbestimmungssystem nicht. Mitarbeiter*innen des Projektes sind im Vorfeld der Betriebsratswahlen mit einem Infostand im Betrieb mit Kolleg*innen ins Gespräch gekommen. Mithilfe von Sprachmittler*innen und fremdsprachigem Material wurden ausländische Beschäftigte über die Wahl aufgeklärt. Dies hat die Wahlbeteiligung deutlich erhöht: Von den 260 abgegebenen Stimmen im Paketzentrum waren 257 für die ver.di-Liste.

Laut Bildungsreferent Oliver Preuss ist es allerdings wichtig, dass man den Kolleg*innen das System nicht nur erklärt. Sie müssen es auch erleben. Beispielhaft kann das bedeuten, dass sie merken, dass sich der Betriebsrat für ihre Entfristung einsetzt oder praktische Hilfe anbietet. Das Zwischenmenschliche und ein offenes Ohr für die Kolleg*innen in schwierigen Situationen zu haben, sei sehr viel wert, so Gewerkschaftssekretär Frank Günther. Nur so erkennen die Kolleg*innen, dass sie als Mensch ernstgenommen werden. Der Betriebsrat hat das Thema Integration für sich gesetzt und arbeitet gerade an einer Betriebsvereinbarung dazu. Zuvor wurden aber schon konkrete Verbesserungen für die Beschäftigten angestoßen, wie beispielsweise die Einrichtung eines Gebetsraums.

Die Ansprache von Beschäftigten mit und ohne Migrationshintergrund führte im Paketzentrum zu einer besseren betrieblichen Integration: Unter der Belegschaft herrscht nun zum einen überhaupt erst ein Bewusstsein für die Bedürfnisse der ausländischen Kolleg*innen. Zum anderen gibt es mehr Verständnis und Unterstützung für zusätzliche Maßnahmen zur Integration von ausländischen Beschäftigten. Am Ende führt die gelungene Integration im Betrieb zu einer Entlastung für alle, so Gewerkschaftssekretär Frank Günther. Gleichzeitig ist die Einbindung der ausländischen Kolleg*innen in die gewerkschaftlichen Strukturen eine Chance für künftige Tarifverhandlungen: Denn mit einer besser organisierten Belegschaft können Forderungen besser durchgesetzt werden. Im Arbeitskampf gilt umso mehr: „Kolleg*in ist Kolleg*in – egal wo man herkommt.“