Branche

Debatten um die Zustellung der Zukunft

Deutsche Post AG

Debatten um die Zustellung der Zukunft

Konferenz in Stuttgart: Zustellung der Zukunft ver.di Konferenz in Stuttgart: Zustellung der Zukunft

7.6.2018 +++ Es gilt, die Digitalisierung nicht allein als Gefahr zur Senkung von Arbeitsstandards zu sehen, sondern sie auch als Chance für gute Arbeitsgestaltung zu erkennen.

Es war ein passender Ort, an dem ver.di, Betriebsräte der Deutschen Post AG, Führungskräfte des Unternehmens und Wissenschaftler am 6. Juni 2018 zusammenkamen. Der ver.di-Landesbezirksfachbereich Baden-Württemberg hatte zu einer Konferenz in den Kursaal von Stuttgart Bad Canstatt geladen. Dort war 1949 die Deutsche Postgewerkschaft gegründet worden. Dort hatte die Geschichte der durchsetzungsstarken Gewerkschaft ihren Anfang genommen und an jenem 6. Juni 2018 stärkten sich die Kolleginnen und Kollegen für die Zukunft. Die Konferenz trug den Titel „Zustellung 2030 in Zeiten der Digitalisierung“.  

Es gelte, die Digitalisierung nicht allein als Gefahr zur Senkung von Arbeitsstandards zu sehen, sondern sie auch als Chance für gute Arbeitsgestaltung zu erkennen, betonte Andrea Kocsis, stellvertretende ver.di-Vorsitzende und Bundesfachbereichsleiterin auf der Konferenz. Algorithmen müssten so entwickelt werden, dass sie den Beschäftigten auch nutzen würden, beispielsweise mit Blick auf Regelungen zu Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit.

Weniger Briefe und mehr Pakete

Eröffnet wurde die Konferenz von Arnold Püschel, dem Landesbezirksfachbereichsleiter, der einführend fragte: „Welche Folgen hat der prognostizierte Rückgang des Briefvolumens um zirka zwei Prozent pro Jahr und der weitere Anstieg des Paketvolumens um jährlich fünf Prozent für die Organisation des Auslieferungsnetzwerkes und die Arbeitsteilung von Brief- und Paketzustellung?“ Der Online-Handel wächse. Amazon, als relevanter Versender auf dem deutschen Paketmarkt, bringe beschleunigte und hoch flexibilisierte Zustellkonzepte auf den Markt. Arbeit werde verdichtet. Hinzu kämen vermehrt Verkehrsprobleme und ökologische Fragen, vor allem in Ballungsräumen. Neue IT-Systeme würden zwar Abläufe effizienter machen, könnten aber auch Autonomie rauben. Arnold Püschel lud alle Anwesenden dazu ein, sich Gedanken zu machen, „wie die Zustellung im Paket- und Briefbereich zukunftsfest gestaltet, die Arbeitsbedingungen verbessert und die Attraktivität des Zustellerberufs gesteigert werden können“.

Auch auf Seiten der Deutschen Post AG weiß man, dass es hier viel mit ver.di zu diskutieren gibt. Daher begrüßte Thomas Homberger, der Regionale Geschäftsbereichsleiter Süd der Deutschen Post AG, die mit der Konferenz gebotene Gelegenheit, sich gemeinsam Zeit für die gegenseitige Information und die Diskussion nehmen zu können. Einblicke in Marktstrategien der Deutschen Post AG im Umgang mit digitalen Veränderungen bot im Laufe des Vormittags Thomas Schneider, Bereichsvorstand für den Unternehmensbereich Post, E-Commerce und Parcel (PeP) bei der Deutschen Post AG.  

Durch das Programm führte Claus Zanker, der Geschäftsführer von INPUT Consulting, ein wissenschaftlicher Experte für Logistik und Digitalisierung. Thomas Held, der inzwischen frisch gewählte Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates der Deutschen Post AG machte deutlich: „Den Versuchen, Arbeitszeiten auszuufern und Schutzregeln aufzuweichen, werden wir uns weiterhin entgegenstellen. Wir brauchen gesicherte Arbeitsplätze statt unsicherer Arbeit in Mini- und Midijobs oder in unfreiwilliger Teilzeit.“ Zu einem aktuellen Forschungsprojekt des Fraunhofer Instituts an der Universität Stuttgart informierte Lars Mauch. Die Forscher untersuchen Optimierungsmöglichkeiten in Innenstadtbereichen mit alternativen Fahrzeugen oder mit City-Hubs. Niels Winkler, Referent für Verwaltungsmodernisierung in Bremen, stellte das Pilotprojekt „Herbsthelfer/Post Persönlich“ vor. Dort haben Zustellerinnen und Zusteller zusätzliche Aufgaben erhalten, etwa die persönliche Übergabe von Briefen an ältere pflegebedürftige Menschen, das Entgegennehmen von Formularen für Ämter oder Rezepten für die Apotheke.

Vollzeitarbeit in der Zustellung

In einem zweitägigen Workshop hatten sich vorab Betriebsräte aus den Niederlassungen der Deutschen Post AG in Baden-Württemberg mit der Zustellung der Zukunft auseinandergesetzt. Die Ergebnisse präsentierte der Göppinger Betriebsratsvorsitzende Andreas Springer-Kieß. Er stellte dar, dass sich die Kolleginnen und Kollegen offen für neue Entwicklungen und Dienstleistungen zeigen würden. Dies habe aber drei Voraussetzungen: Den Erhalt des flächendeckenden Zustellnetzes, dass der Universaldienst weiterhin durch die Deutsche Post AG umgesetzt werde und den Erhalt von Vollzeitarbeit in der Zustellung. Die neuen digitalen Möglichkeiten müssten zu Optimierungen auch im Interesse der Beschäftigten beitragen. Dass der Erfahrungsschatz aus den Betrieben ausgesprochen wertvoll ist, zeigte sich auch bei der Podiumsdiskussion mit allen Referentinnen und Referenten. Günter Neidlein, Mitglied des Präsidiums des ver.di-Landesbezirksfachbereichsvorstandes resümierte: „Die digitalen Veränderungen sind Anlass genug, sich mit der Zukunft der Zustellung bei der Deutschen Post DHL intensiv auseinanderzusetzen. Ich freue mich, dass so viele aus dem Kreis der Betriebsräte und Führungskräfte der Deutschen Post AG der Einladung von ver.di gefolgt sind und wir im Rahmen dieser Konferenz ein wichtiges Zukunftsthema diskutieren konnten“.