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Deutsche Post AG – Veränderung in der Zustellung

Deutsche Post AG – Veränderung in der Zustellung

Die Arbeitswelt verändert sich stetig. Äußere Einflüsse wie die Corona-Pandemie und die damit einhergehende Digitalisierung beschleunigen diesen Prozess. Das hat weitreichende Veränderungen in der Zustellung zur Folge. Worauf sich die Beschäftigten bei der Deutschen Post AG in Zukunft einstellen müssen, darüber sprach die bewegen mit Thorsten Kühn, ver.di-Bundesfachgruppenleiter Postdienste.

© ver.di

 

bewegen: Wie ist die aktuelle Situation bei der Deutschen Post?

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen haben das Einkaufsverhalten vieler Menschen verändert und die Deutsche Post AG und ihre Beschäftigten müssen seit nunmehr eineinhalb Jahren ein nie dagewesenes Paketmengenwachstum bewältigen. Parallel dazu gibt es einen stetigen Rückgang der Briefmengen. Diese Entwicklung führt schon jetzt zu einer Veränderung in der Zustellorganisation.

Darüber hinaus wird die zunehmende Digitalisierung unser Kommunikationsverhalten weiter verändern. Der Kontakt zu Behörden, Unternehmen und auch Freunden vollzieht sich immer mehr per E-Mail, SMS oder gleich in Echtzeit per Videotelefonie. Im Jahr 2010 lag das Verhältnis von zugestellten Briefen zu Paketen bei 21:1 und hat sich bis 2020 bereits auf 8:1 verändert. Es ist zu erwarten, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzt.

bewegen: Welche Auswirkungen wird diese Veränderung für die Beschäftigten haben?

Die täglich zu bewältigende Strecke in der Fußzustellung wird durch die sinkenden Briefmengen von durchschnittlich 13,7 km im Jahr 2020 auf 18,8 km im Jahr 2030 steigen und in der Fahrradzustellung von 22,5 km auf 30,8 km. Diese stetige, flächenmäßige Vergrößerung der Zustellbezirke ist aber nicht bis ans Ende aller Tage fortsetzbar. Schon heute sind die Grenzen der Belastbarkeit bei vielen Beschäftigten erreicht.

Alle Versuche der Deutschen Post AG, weiteres Geschäft im Bereich Brief zu generieren, hat in der Vergangenheit nicht zum Erfolg geführt. Wenn aber die Größe der Zustellbezirke an ihre Grenzen stößt und alle Versuche, weitere Aufgaben zu finden scheitern, muss im eigenen Unternehmen die Möglichkeit von Anpassungen geprüft werden. Ziel muss es sein, auch in der Fuß- und Fahrradzustellung gute Vollzeitarbeitsplätze zu erhalten, die es ermöglichen gesund bis zur Rente zu kommen.

"Es ist meine feste Überzeugung, dass eine stärkere Verzahnung des Brief- und Paketnetzes der richtige Weg ist, um auch in Zukunft gute Vollzeitarbeitsplätze in der Zustellung zu sichern."

Thorsten Kühn
ver.di-Bundesfachgruppenleiter Postdienste

bewegen: Welche Maßnahmen werden von der Arbeitgeberseite ergriffen, um auf die Veränderungen zu reagieren?

Um den Sendungsmengenrückgang im Briefbereich zu kompensieren und um das stetige Paketmengenwachstum zu bewältigen, werden schon seit einiger Zeit kleinformatige Paketsendungen und weitere warentragende Sendungen der Fuß- und Fahrradzustellung zugeführt. Das führt zu einem steigenden Platzbedarf, darüber hinaus nimmt die Gewichtsbelastung zu. Neue Betriebsmittel, wie zum Beispiel E-Trikes, stoßen hier aber auch schon an ihre Kapazitätsgrenze. Und die Bereitschaft der Kommunen, zusätzliche Ablagemöglichkeiten zu genehmigen, um unterwegs „Nachladen“ zu können, ist auch nicht sehr ausgeprägt. Hier hat ver.di die klare Erwartungshaltung an die Politik, in dieser Frage mehr Flexibilität an den Tag zu legen.

bewegen: Wenn kleinformatige Pakete immer mehr im Briefnetz transportiert werden, wie wirkt sich das auf die Arbeitsbedingungen aus?

Das Ausschleusen der kleinformatigen Pakete hat natürlich auch Auswirkungen auf die Paketzustellung. Wenn man der Paketzustellung die kleineren, leichteren Pakete entzieht, führt das zwangsläufig zu einem Anstieg der ohnehin schon hohen Belastung der Zusteller*innen mit schwereren Sendungen. Mit den bekannten Folgen für die Gesundheit. Deshalb ist es dringend notwendig, dass alle Pakete spätestens bei der Bearbeitung im Paketzentrum gewogen und Pakete mit einem Gewicht von mehr als 10 kg gekennzeichnet werden. Damit sich jeder im weiteren Arbeitsprozess entsprechend darauf einstellen kann und die zur Verfügung gestellten Hilfsmittel, wie Sackkarren, genutzt werden.

Wenn aber Kolleg*innen aufgrund der schweren körperlichen Belastung bereits deutlich vor dem Erreichen der Altersgrenze von 67 Jahren nicht mehr in der Lage sind als Zusteller*in zu arbeiten, liegt es in der Verantwortung des Arbeitgebers für entsprechende Ersatzarbeitsplätze zu sorgen.

bewegen: Was gilt es jetzt für die Zukunft anzupacken?

Wir sind mit den Betriebsräten und Arbeitgebervertreter*innen in regelmäßigen Gesprächen, um die Kolleg*innen vor den immer schwerer werdenden Arbeitsbedingungen zu schützen.

Wenn überall die Erkenntnis reift, dass die Zustellbezirke in der Fuß- und Fahrradzustellung nicht unendlich vergrößerbar sind und auch in der Verbund- und reinen Paketzustellung die Kapazitätsgrenzen erreicht sind, ist der Arbeitgeber weiterhin aufgefordert, durch entsprechende Hilfsmittel die Belastung in der Zustellung zu verringern. Oberstes Ziel ist und bleibt es, den Erhalt guter Arbeitsplätze in der Auslieferung sicherzustellen.

Vielen Dank Thorsten für das Gespräch. Bleib gesund!