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ver.di fordert Entlastung für die Beschäftigten

ver.di fordert Entlastung für die Beschäftigten

Die Energiekrise und die Inflation sind gerade in aller Munde. Preise steigen kontinuierlich an und die Konsequenzen gehen an keinem unserer Mitglieder vorbei. Andrea Kocsis, stellvertretende ver.di-Vorsitzende und Bundesfachbereichsleiterin Postdienste, Spedition und Logistik, beantwortet Fragen zur Energiekrise, ihren Auswirkungen auf unsere Mitglieder und erzählt, was ver.di für die Mitglieder macht.

 

bewegen: Liebe Andrea, wie bewertest du die aktuelle Situation? Was passiert gerade?

Andrea: Die aktuelle Situation ist dramatisch. Der Angriffskrieg in der Ukraine hat einen gravierenden Preisanstieg auf dem Energiemarkt verursacht. Das wirkt sich in vielen Bereichen aus und führt zu einer immensen Teuerungsrate, durch die die Kaufkraft verloren geht.

Für unsere Mitglieder hat das teils drastische Folgen. Für manche ist es existenzbedrohend. Sie wissen teilweise jetzt schon nicht, wie sie ihre zukünftigen Energiekostenrechnungen bezahlen sollen. Für andere mag es zwar nicht existenzbedrohend sein, bedeutet aber, dass Geld an anderer Stelle, wie beispielsweise zur Teilhabe am sozialen Leben, fehlt. Die Wirkungen für die Menschen und die Gesellschaft sind nicht zu unterschätzen.

bewegen: Es ist wirklich eine sehr schwierige Situation für viele gerade. Was macht ver.di für die Mitglieder mit Blick auf die steigenden Kosten? Was ist die Rolle von Gewerkschaften in einer Situation wie dieser?

Andrea: ver.di sieht sich in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Mitglieder möglichst wenig unter den Konsequenzen der Krise leiden. Unsere Mitglieder haben die Krise nicht verursacht und sollen auch nicht mit einer Verschlechterung ihres Lebensstandards dafür zahlen. Es braucht Entlastung und dafür kämpfen wir tagtäglich.

Das tun wir auf zwei Wegen: Erstens agieren wir auf der politischen Ebene. Zweitens schaffen wir Entlastung mit unserer Tarifpolitik.

bewegen: Was macht ver.di auf politischer Ebene?

Andrea: Wir setzen uns für eine richtige Entlastung von Gering- und Mittelverdienenden ein – und dies vor allem bei den Energiekosten. Die Entlastungspakete der Bundesregierung müssen bei denen ankommen, die es nötig haben und nicht mal eben eine Vervielfachung der Heizkosten hinnehmen können. Hier haben wir immer die Belange und Sorgen unserer Mitglieder im Auge und bringen sie bei der Politik an. Wir und die anderen DGB-Gewerkschaften haben die Aufgabe, unsere Mitglieder zu vertreten und verschaffen uns Gehör bei der Politik.

bewegen: Wie bewertest du die Entlastungspakete der Bundesregierung? Was fordert ver.di sonst von der Politik?

Andrea: Es ist ein Erfolg, dass die Ampelkoalition mit dem dritten Entlastungspaket einige ver.di-Forderungen aufgegriffen hat. Die Energiepreispauschale auch für Rentner*innen und Studierende als Einmalzahlung war überfällig. Auch die Forderung von ver.di nach einer Strompreisbremse für den Basisverbrauch von Haushalten findet sich in der Einigung wieder. Jedoch bleibt bisher offen, bis zu welcher Höhe und zu welchem Preis diese umgesetzt werden soll.

Allerdings sind die jetzt vorgelegten Eckpunkte für ein Entlastungspaket insgesamt nur ein halber Schritt. Deshalb bleiben wir als ver.di weiter dran. Uns ist eine wirksame Umsetzung der Preisbremse für Strom und eine solche Preisbremse auch für Gas besonders wichtig. Zudem sind wir für einen Abbau der Zugangshürden bei den Maßnahmen – so wie etwa beim Heizkostenzuschuss im Rahmen des Wohngeldes. Maßnahmen wie ein Preisdeckel brauchen ihre Zeit für die Umsetzung. Deshalb fordern wir angesichts der akuten Sorgen vieler Bürger*innen – als wirksame Sofortmaßnahme – die Zahlung einer weiteren Pauschale von 500 Euro für alle Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen – also inklusive Rentner*innen, Studierenden und Transferempfänger*innen.

bewegen: Du hast von der Tarifpolitik gesprochen, als eine andere Möglichkeit, Entlastung zu schaffen. Was bedeutet das konkret?

Andrea: Wir als Gewerkschaft verhandeln Tarifverträge mit den Arbeitgebern, die die Gehälter und Löhne für viele Millionen Beschäftigten dieses Landes regeln. Dabei haben wir den Anspruch, dass unsere Abschlüsse spürbare Verbesserungen für unsere Mitglieder bringen. Sie brauchen jetzt dringender als je zuvor mehr Geld in der Tasche. Dauerhaft steigende Preise müssen durch dauerhaft wirkende Tariflohnsteigerungen ausgeglichen werden.

bewegen: Was bedeutet denn für ver.di eine spürbare Verbesserung? Machst du dir keine Sorgen um die sogenannte Lohn-Preis-Spirale?

Andrea: ver.di hat sich das Ziel gesetzt, mindestens die Inflation auszugleichen. Das bedeutet momentan Entgelterhöhungen, die in der Vergangenheit als sehr hoch bewertet worden wären. Heute allerdings sind sie mehr als angemessen, weil sie gerade so ausreichend sind, um den Kaufkraftverlust abzudecken. Viele unserer Mitglieder können schlichtweg keinen Kaufkraftverlust hinnehmen, daher ist ein Inflationsausgleich dringend notwendig.

Die Behauptungen der Arbeitgeber, dass steigende Löhne höhere Preise befeuern würden, ist reine Panikmache. Diese Sicht auf die Wirtschaft verkennt, wie wichtig es für die Gesamtwirtschaft ist, die Kaufkraft zu erhalten. Ordentliche Lohnerhöhungen stabilisieren eine Volkswirtschaft in der Krise. Im Übrigen könnten die Arbeitgeber, die sich darüber beschweren, natürlich auf Gewinne verzichten – das würde die Preise stabilisieren.

bewegen: Über mehr Geld in der Tasche und einen Inflationsausgleich dürfte jede*r sich freuen. Wie kriegen wir es denn hin?

Andrea: Die nächste große Tarifrunde in unserem Fachbereich, bei der wir erneut über Entgelt verhandeln können, ist bei der Deutschen Post AG (DP AG). Diese fängt im Januar 2023 an. Ab dann können wir mit dem Arbeitgeber über die Forderungen der ver.di-Mitglieder verhandeln. Ab Oktober werden wir eine Befragung unserer Mitglieder bei der DP AG durchführen und aus den Ergebnissen der Befragung entstehen die Forderungen. Wir erwarten, dass diese Forderungen mindestens einen Inflationsausgleich beinhalten werden, aber die konkreten Forderungen kommen natürlich von den Mitgliedern.

bewegen: Und dann?

Andrea: Die Forderungen zu stellen ist der leichte Teil. Dann müssen wir mit dem Arbeitgeber darüber verhandeln. Der Arbeitgeber wird uns das, was die Mitglieder wollen und brauchen, nie freiwillig geben. Gleichermaßen setzen wir es nicht allein am Verhandlungstisch durch. Wir müssen unsere Macht als Gewerkschaft nutzen, die Forderungen durchzusetzen.

Diese Macht kommt in erster Linie von unseren Mitgliedern, die bereit sind, sich für ihre Forderungen einzusetzen und im Zweifelsfall auch zu streiken. Das braucht Vorbereitung, das braucht Kolleg*innen in den Betrieben, die wiederum ihre Kolleg*innen ansprechen, die Mut machen und motivieren mitzumachen. Wir können so gut verhandeln, wie wir wollen, aber ohne eine starke Unterstützung aus den Betrieben, wird die Verhandlungskommission die Forderungen nicht durchsetzen können.

bewegen: Also was ist deine Botschaft an die Mitglieder, die sich Sorgen über die Inflation machen?

Andrea: Ich verstehe jedes Mitglied, das sich gerade Sorgen macht. Die Situation ist schwierig, aber ihr seid nicht machtlos. Mit ver.di könnt ihr etwas Konkretes dagegen machen. Wir sind bereit für ordentliche Gehaltserhöhungen zu kämpfen, aber das geht eben nur, wenn unsere Mitglieder in der Tarifrunde aktiv werden und dem Arbeitgeber zeigen, dass sie an den Gewinnen der letzten Jahre teilhaben wollen. Jetzt kommt die Zeit, in der ihr um eure Entlastung kämpfen müsst.