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Die Paketdienste tragen hier Verantwortung

Arbeiten in der Zustellung

Die Paketdienste tragen hier Verantwortung

Rote Pakete mit Aufschriften: Paketdienst, Sub ver.di Paketdienste

8.7.2017 +++ Das Wachstum auf dem Paketmarkt findet überwiegend über prekäre Beschäftigung statt. Seit Jahren fordert ver.di von den Unternehmen, mehr Verantwortung zu übernehmen und die Arbeit nicht an Subunternehmen auszulagern. Getan hat sich nichts. Aus Sicht von ver.di ist hier mittlerweile auch die Politik gefragt. Ein Interview zur Situation in der Paketbranche mit der stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden Andrea Kocsis.

 
Frage | Wie ist die Situation der Beschäftigten in der Paketbranche?

Andrea Kocsis | Der Arbeitsmarkt in der Paketbranche ist ganz klar zweigeteilt. Es gibt Paketzusteller, die bei ihrer Firma fest angestellt sind und nach Tarifvertrag bezahlt werden. Für sie gelten feste Arbeitszeiten, der Urlaub ist vereinbart, die Bezahlung auch. Es gibt dann auch in der Regel Betriebsräte, die sich um die Dienstpläne, um Fragen wie den Arbeits- oder Gesundheitsschutz kümmern. Wir haben es hier mit sozialversicherungspflichtigen und tarifvertraglich geschützten Arbeitsplätzen zu tun. Unter den fünf großen Paketdiensten in Deutschland arbeiten mit der Deutschen Post/DHL und UPS aber überhaupt nur zwei Unternehmen überwiegend mit eigenen fest angestellten Zustellerinnen und Zustellern. Bei Hermes, DPD und GLS wird dagegen nur mit Subunternehmen gearbeitet. Und bei den Subunternehmen – egal für welchen Paketdienst diese arbeiten – sind die Bedingungen vielfach prekär, wenn nicht gar inzwischen katastrophal.

Portrait Andrea Kocsis Kay Herschelmann Andrea Kocsis

Frage | Wie sieht es bei den Subunternehmen aus?

Andrea Kocsis | Die Menschen dort verdienen schlecht, haben überlange Arbeitszeiten, sind oft nur befristet angestellt – oder schmeißen den Job nach kurzer Zeit selbst wieder hin. Die Grenze zwischen selbstständigen oder abhängig Beschäftigten ist oftmals unklar.

Je nach regionaler und saisonaler Lage wird inzwischen in der Branche über entsprechende Personalvermittlungsfirmen auch verstärkt mit Beschäftigten aus Osteuropa gearbeitet. Die Leute werden nicht ordentlich eingearbeitet. Sie können die Sprache nicht und damit können sie auch nicht vernünftig mit den Kunden kommunizieren. Sie haben keine Ahnung von ihren Rechten oder fordern sie aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust nicht ein. Sie werden im Zweifelsfall von der Vermittlungsfirma irgendwo untergebracht und bekommen diese Kosten noch von ihrem Salär abgezogen. Oder sie hausen sogar in den Sprinterfahrzeugen. Das sind unerträgliche Zustände.

Frage | Für die Fleischindustrie, in der ebenfalls vielfach mit Subunternehmen und Beschäftigten aus anderen EU-Staaten gearbeitet wird, wurde nun ein Gesetz zur Sicherung der Arbeitnehmerrechte – kurz das „GSA Fleisch“ auf den Weg gebracht. Würde ein entsprechendes Gesetz auch helfen, die Verwerfungen in der Paketbranche einzudämmen?

Andrea Kocsis | Das Wachstum in der Paketbranche findet in ganz erheblichem Maße vor allem über prekäre Arbeitsbedingungen statt. Wir kritisieren das seit langem und fordern von den Unternehmen, die Verantwortung auch für die Arbeit auf der letzten Meile zu übernehmen. Passiert ist da bisher nichts. Die Unternehmen klagen zwar öffentlich, sie würden keine Zusteller finden. Aber statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern, wird versucht, die Notlage der Menschen aus anderen EU-Staaten auszunutzen und sie unter fragwürdigen Umständen hier arbeiten zu lassen. Da ist die Politik gefragt. Ein vergleichbares Gesetz wie in der Fleischwirtschaft, das über eine weitreichende Generalunternehmerhaftung für die Sozialversicherungsbeiträge verfügt, würde sehr gut helfen. Wer die Arbeit auslagert, muss dafür verantwortlich bleiben.