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Müdigkeit am Steuer: Die Gefahr fährt mit

Müdigkeit am Steuer: Die Gefahr fährt mit

Die Europäische Transportarbeiter-Föderation (ETF), in der auch ver.di Mitglied ist, hatte im Januar 2020 ein europaweites Projekt zum Thema Fahrermüdigkeit ins Leben gerufen. Ziel des Projektes ist es, eine umfassende Datenlage über die Fahrermüdigkeit bei Berufskraftfahrer*innen zu erhalten. Fahrermüdigkeit ist eines der größten Sicherheitsprobleme im Straßenverkehr. Das Einschlafen am Steuer ist dabei der gefährlichste Aspekt: Müdigkeitsbedingte Unfälle sind oft schwerwiegend, da die Fahrer*innen die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren.

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An der Befragung nahmen knapp 3000 Fahrer*innen teil, welche ihre Eindrücke im Arbeitsalltag schilderten. Ergänzend zu der Umfrage wurden Experteninterviews mit Arbeitgebern, Kontrollbehörden, Arbeitsmediziner*innen und Gewerkschaften geführt. In zwei Workshops im Herbst 2020 und einem Seminar im Winter 2021 wurde mit ca. 200 Teilnehmer*innen weiter über die Ergebnisse beraten.

Bereits im Frühjahr 2021 wurden erste Ergebnisse des Projektes mit der Generaldirektion Mobilität und Verkehr der EU-Kommission (DG MOVE) erörtert. Dabei wurde festgestellt, dass die EU-Kommission ihr selbst auferlegtes Ziel, die Vision ZERO, schwere und tödliche Unfälle aller Verkehrsteilnehmer*innen bis 2020 zu halbieren, verfehlte. Deshalb startet ein neues Programm mit gleichem Namen, um das Ziel dieses mal bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Gleichzeitig erkennt die EU-Kommission allerdings nicht an, dass auf Grund von Müdigkeit am Steuer, viele schwere und tödliche Unfälle vorprogrammiert sind.

Mehr als 50 Stunden Arbeit pro Woche sind keine Seltenheit

Lange Fahrzeiten, unvorhersehbare und unregelmäßige Arbeitszeiten, nicht ausreichende Erholungspausen und zu lange Arbeitszeiten – eine durchschnittliche Arbeitszeit von mehr als 50 Stunden – sind für LKW-Fahrer*innen keine Seltenheit. Der gesamte Straßengütertransport wird dadurch auf dem Rücken der Fahrer*innen organisiert. Die Folge ist, wie das Projekt aufzeigt, dass es durch die Belastung und mangelnde Pausen einen direkten Einfluss auf die Unfallzahlen gibt.

In der Umfrage gaben 60 Prozent der LKW-Fahrer*innen an, dass sie regelmäßig von Fahrermüdigkeit betroffen sind. Darüber hinaus sind in den letzten zwölf Monaten 30 Prozent der LKW-Fahrer*innen mindestens einmal während der Fahrt eingeschlafen. Diese Zahlen sind alarmierend. Die Arbeitgeber und die politisch Verantwortlichen sind aufgefordert, hier zu handeln!

„Wer LKWs entsprechend lange fahren lässt, für nicht ausreichend Erholungspausen sorgt, und praktisch den gesamten Straßengütertransport auf dem Rücken der Fahrer*innen organisiert, muss nicht erschrocken oder verwundert sein, wenn es mit den Unfallzahlen nicht runtergeht.“

Stefan Thyroke,
Bundesfachgruppenleiter Logistik

Die Fahrer*innen werden ständig gezwungen, ihre Ruhezeiten zu unterbrechen. Sei es für die Be- und Entladung, zum Erwerb von Maut-Vignetten oder beim Ein- und Ausschiffen auf einer Fährverbindung. Hierbei lässt die Schlafqualität zu wünschen übrig und die Tourenplanung ist in der Regel unrealistisch. Um das Ziel rechtzeitig zu erreichen, müssen oft von den Erholungspausen Abstriche gemacht werden. Dies muss sich ändern, denn Müdigkeit ist tödlich – für die Lkw-Fahrer*innen, aber auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer*innen.

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Humanere Arbeitsbedingungen sind notwendig

ver.di und die ETF fordern, dass sich die Bedingungen für Lkw-Fahrer*innen deutlich verbessern. Die Logistik muss insgesamt sozialer und humaner stattfinden als bisher und gesetzliche Regelungen dürfen nicht unterlaufen werden. Die Befragung zeigt deutlich auf, dass die jetzigen Arbeitsverhältnisse zu Stress, schlechtem Schlaf, wenig Erholung und schlussendlich zu Müdigkeit führen. Hier gilt es zu Handeln. Deshalb fordert ver.di von der Politik:

  • die Erhöhung der Kontrolldichte, und damit personelle Ausstattung der Kontrollbehörden,
  • Gründung einer Straßentransportbehörde auf EU-Ebene mit Vollzugsberechtigung,
  • europaweite Straf- und Ordnungsgelder, die zentral eingetrieben werden sowie im letzten Schritt auch Transportverbote für die Spediteure, wenn diese gegen Regelungen verstoßen.

 

Doch auch die Arbeitgeber sind aufgefordert, für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Hierzu gehören:

  • humane und stressfreie Tourenplanungen,
  • besser ausgestattete Fahrerkabinen,
  • mehr, sicherere und besser ausgestattete Parkmöglichkeiten,
  • regelmäßige Rückkehr der Fahrer an ihren Heimatort,
  • Respektieren der Pausen und sonstigen Ruhezeiten,
  • Einhaltung aller gesetzlichen Regelungen.

Ich bin Fahrer*in, was kann ich selbst tun?

Do­ku­men­tie­re dei­ne Ar­beits­zeit, um ge­nau nach­voll­zie­hen zu kön­nen, ob Ru­he- und Pau­sen­zei­ten ein­ge­hal­ten wer­den. Hier­bei hilft dir auch die ver­.­di-Drive Ap­p, um dei­ne Ar­beits­zeit ein­fach zu er­fas­sen. Die ver­.­di-Drive App fin­dest du im Goo­gle-­Play und Ap­p­le-App-Sto­re.