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Logisch - Logistik! ver.di-Konferenz Teil II

Konferenz Teil II

Logisch - Logistik! ver.di-Konferenz zur Zukunft der Logistik Teil II

Zuhörer bei der Konferenz Logisch - Logistik ver.di Aufmerksame Zuhörer

19.6.2013 +++ Tarifpolitik ist das Kerngeschäft der Gewerkschaften. Aber nicht nur ihres. Zu einem Tarifvertrag gehören zwei Parteien – Gewerkschaften und Arbeitgeber. Was zeichnet eine moderne Tarifpolitik aus? Wo liegen Schwierigkeiten, welche Anforderungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Darüber diskutierten ver.di und Arbeitgebervertreter von Verbänden und Unternehmen auf der Konferenz Logisch – Logistik! von ver.di.

ver.di hatte ehren- und hauptamtliche Kolleginnen und Kollegen vom 17. bis 18. Juni zu der Konferenz „Logisch – Logistik!“ nach Berlin eingeladen. Am ersten Konferenztag ging es darum, wie sich die Branche, wie sich Warenflüsse und Wertschöpfungsketten entwickeln werden, welche IT-Potenziale in der Logistik stecken und was Green Logistics ist. Mehr dazu siehe hier. Am zweiten Konferenztag waren die Anforderungen an eine moderne Tarifpolitik das Thema.

Ruft man sich die Aussage von Professor Dr. Christian Kille vom Institut für angewandte Logistik der Hochschule Würzburg-Schweinfurt ins Gedächtnis, der die Branche als „heterogenes Feld von ungefähr 70 000 verschiedenen Unternehmen“ charakterisierte, „die sich gegenseitig die einzelnen Aufträge abluchsen, Preiskampf ohne Ende und dazu noch ein vielstimmiges Gewirr von lobbyarbeitenden Verbänden“, ist klar, dass die Tarifarbeit für alle Beteiligten durchaus nicht einfach ist. Es gibt bundesweit 33 Arbeitgeberverbände im Speditions- und Logistikgewerbe: Den Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) mit 17 regionalen Mitgliedsverbänden sowie den Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV) mit 16 Mitgliedsverbänden in den Ländern. Mit diesen Mitgliedsverbänden schließt ver.di die regionalen Flächentarifverträge.

Stephan Teuscher, ver.di-Tarifexperte, stellte fest, vergleiche man auf Grundlage eines von ver.di für das Jahr 2011 erarbeiteten Lohn-Monitorings die Löhne der Speditions- und Logistikbranche mit denen des Einzelhandels, so falle auf, dass im Einzelhandel 81,5 Prozent aller tarifvertraglichen Entgeltgruppen über zehn Euro lägen. Im Speditions- und Logistikgewerbe dagegen 72,1 Prozent. Hier gebe es eine Schieflage. „Wenn wir davon sprechen, dass die Anforderungen an die Arbeitsplätze höher werden, dass fast jeder Arbeitsplatz in der Logistik eine gewisse IT-Kompetenz braucht, müssen wir erkennen, dass diese höheren Anforderungen in den Tarifverträgen nicht entsprechend ihres tatsächlichen Werts abgebildet werden.“ In der Branche würden immer noch Tarifverträge existieren, in denen ausschließlich Stundenlöhne vereinbart seien. Nicht in allen Tarifverträgen seien die neuen Anforderungen an Beschäftigung und alle Ausbildungsberufe abgebildet und es fehlten „in fast allen Tarifverträgen Entgelttabellen mit Erfahrungsstufen.“ Hier bestehe Handlungsbedarf. „Ein Arbeitgeber, der sich den jungen Menschen empfehlen möchte, muss erklären können, dass diese mit zunehmender Tätigkeit und zunehmender Qualifikationserwerbung auch mehr Entgelt erreichen“ so Teuscher.

Das Vorstandsmitglied im Verband Verkehrswirtschaft und Logistik in Nordrhein Westfalen Ulrich Bönders beschrieb den Spagat seiner Verbandsarbeit, die einer Bandbreite von Unternehmen gerecht werden müsse, „vom Kleinstunternehmer mit den zwei Mitarbeitern bis hin zum Personalchef aus einem Konzern“. Unternehmen gingen in den Verband, weil sie dort Beratung, Information und auch Unterstützung in der Sozialpolitik bekämen. Und natürlich die Tarifpolitik. Ein Problem der Verbandsarbeit sei allerdings die Zunahme von OT-Mitgliedschaften. Dies berge die Gefahr, „dass wir unsere Tarifautonomie nachher nicht mehr so beherrschen können. Hier müssen wir dagegen arbeiten“; sagte Bönders.

 Es sei „an der Zeit, dass wir gemeinsam Dinge verändern“, forderte Dirk Blesius, Geschäftsführer Personal bei Kühne und Nagel. „Wir sind durchaus der Auffassung, dass wir einheitliche Lohnuntergrenzen brauchen.“ Diese sollten aber „nicht nur für die tarifgebundenen Unternehmen gelten, sondern für die ganze Branche“. In dem zunehmenden Wettbewerb könne man nicht mehr allein durch Qualität überzeugen. In vielen Geschäftsbereichen sei inzwischen der Preis oft die einzige entscheidende Größe. Diese Situation könne einem nicht gefallen und führe auch dazu, dass das Unternehmen Geschäft verliere beziehungsweise Neugeschäft nicht mehr gewinnen könne. Die OT-Mitgliedschaften seien dem Unternehmen ein Dorn im Auge.

Die OT-Mitgliedschaft sei ein Kernproblem, das moderne Tarifpolitik verhindere, argumentierte Stephan Teuscher. Man müsse gemeinsam eine Debatte führen, ob es nicht einen Weg aus diesem System der OT-Mitgliedschaft heraus gäbe. „Wir können darüber diskutieren, dass wir es richtig finden, dass wir Dienstleistungen in Anspruch nehmen, bei denen Beschäftigte, die die Dienstleistungen erbringen, fair bezahlt werden. Auch das ist eine Auszeichnung eines Tarifvertrages, diese Funktionen müssen wir gemeinsam stärker in den Vordergrund rücken, um OT-Mitgliedschaften unlukrativ zu machen“, sagte Teuscher.

 Der Leiter Zentrale Personal/Führungskräfteentwicklung der Schenker Deutschland AG Axel Kühn stellte fest: „Nachdem die Schere zwischen den unteren Lohngruppen und denen darüber doch immer weiter auseinandergeht, wünschen wir uns, dass wir hier in Zukunft differenzierter vorgehen.“ Weiter forderte Kühn Flexibilität mittels Arbeitszeitkonten, Jahresarbeitszeitkonten, Lebensarbeitszeitkonten und die Möglichkeit von Sabbaticals. Durch die Automatisierung, durch die Industrialisierung der Prozesse in der Spedition und Logistik entwickelten sich neue Berufsbilder. Hier in den Lohn- und Gehaltstarifen zu folgen sei wichtig, sagte Kühn. Ebenso müsse die Kontraktlogistik stärker Berücksichtigung finden.

 Damit Tarifverträge „Werbung für die Logistikbranche sind“, so Teuscher, müssten „Berufserfahrungen honoriert, Karrierepfade eröffnet und die steigenden Anforderungen entsprechend abgegolten werden. Eine Branche mit Zukunft muss sich durch sichere Arbeitsplätze, lukrative Anforderungen, sichere Einkommen und Karrierechancen auszeichnen.“ Die Logistikbranche werbe darum, dass Menschen in dieser Branche eine Ausbildung machten. Die Anzahl der Ausbildungsbewerber gehe permanent zurück. „Wir müssen heute gemeinsam die modernen Tarifverträge schaffen, damit wir morgen tarifpolitisch und beschäftigungspolitisch erfolgreich gemeinsam weiter die Arbeitswege in dieser Branche gestalten können“, sagte der ver.di-Tarifexperte Teuscher

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