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Post- und Paketdienste in Kriegszeiten

Post- und Paketdienste in Kriegszeiten

Seit sechs Monaten leidet die Bevölkerung in der Ukraine unter den Auswirkungen des russischen Angriffskriegs. Als Gewerkschaft verstehen wir uns als Teil der Friedensbewegung – wir wissen, dass die arbeitenden Menschen diejenigen sind, die in erster Linie die Konsequenzen des Krieges tragen. Dies wird klar, wenn man die aktuelle Situation in der Ukraine betrachtet. Seit Anfang des Kriegs sind unsere ukrainischen Kolleg*innen im Post- und Paketdienst sowie in der Logistik dauerhaft im Dienst gewesen. ver.di hat mit Gewerkschafter*innen aus der Ukraine gesprochen und berichtet über ihre Erfahrungen.

 ver.di Frieden für die Ukraine

 

In einer ständig wechselnden und oft gefährlichen Situation haben die ukrainischen Kolleg*innen in den letzten Monaten den Postdienst aufrechterhalten. Am Anfang des Krieges, als große Gebiete der Ukraine von russischen Truppen eingenommen wurden, sorgten Arbeitnehmer*innen in den ukrainischen Post- und Paketdiensten für die Lieferung von bereits geschickten Paketen. Noch als russische Truppen sich den Städten näherten, wurden Pakete und Briefe aus Charkiw und Donezk in sicherere Teile der Ukraine gebracht und für die Auslieferung vorbereitet. Mit viel persönlichem Einsatz haben die Post- und Paketbot*innen in der Ukraine den Erhalt dieser systemrelevanten Dienstleistung gesichert. Heute liefern sie noch zu allen Orten an der Front, die von dem ukrainischen Militär kontrolliert werden.

Die Kolleg*innen arbeiten häufig unter grausamen Umständen. Viele Mitarbeiter*innen sind aus den besetzten Gebieten geflohen und haben ihre Arbeit in der West- und Mittelukraine wieder aufgenommen. Ihre Flucht und die Nachrichten aus den besetzten Gebieten stellen eine massive psychologische Belastung dar. Bei der Ausführung ihrer Arbeit sind die Kolleg*innen immer noch großen Gefahren ausgesetzt. Die Bedrohung durch Luftangriffe und Raketen ist allgegenwärtig. Bei den Post- und Paketdiensten gibt es Protokolle, wie man sich im Falle eines Angriffs zu verhalten hat und die Kolleg*innen müssen damit rechnen, dass sie während ihrer Arbeit einen Luftschutzbunker aufsuchen müssen. Die Gefahr ist leider eine reale – mindestens ein Postbote ist im Dienst Opfer des Kriegs geworden. Viel mehr Kolleg*innen wurden eingezogen und sind an der Front ums Leben gekommen.

Im Gespräch mit der be.wegen erklärte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Profspilka Nova Poshta, Ihor Poleshko, vor welchen Herausforderungen die Gewerkschaft steht. Sie vertritt Arbeitnehmer*innen beim ukrainischen Post- und Paketdienstleister Nova Poshta. Laut Poleshko hält die Gewerkschaft auch im Krieg an ihrem Anspruch fest, ihre Mitglieder bestmöglich zu vertreten. Es wird weiterhin eine sozial- und arbeitsrechtliche Beratung angeboten. Ein Großteil der Anfragen dreht sich aktuell um die sozialen Hilfen im Rahmen der Evakuierung aus den besetzten Gebieten. So wurde auch eine Hotline zur psychologischen Beratung eingerichtet. Eine weitere wichtige Leistung der Profspilka Nova Poshta ist die finanzielle Hilfe für Mitglieder in schwierigen Situationen, wie z.B. bei der Evakuierung oder bei der Einberufung zum Wehrdienst.

Poleshko berichtet, dass einiges in diesen schwierigen Zeiten dennoch erreicht wurde. Das Unternehmen bezahlt einen Teil des Gehaltes weiterhin, sollte ein*e Arbeitnehmer*in zum Wehrdienst eingezogen werden. Dies ist seit dem Sommer nicht mehr verpflichtend, konnte aber bei der Nova Poshta ausgehandelt werden.

Jedoch ist es nicht zu übersehen, dass der Krieg die Gewerkschaftsarbeit erschwert. Versammlungen in Präsenz sind seit Kriegsbeginn nicht mehr möglich. Stattdessen finden diese nur noch online statt, da die Kommunikation über klassische Kanäle nicht mehr zuverlässig möglich ist. Die Gewerkschaft kommuniziert digital über Messenger-Dienste und einer Chatfunktion auf ihrer Webseite, um in Kontakt mit ihren Mitgliedern zu bleiben.

Unsere Solidarität und unser Respekt gehört weiterhin den mutigen Kolleg*innen in der Ukraine. Wir verurteilen den Angriffskrieg zutiefst und stehen an der Seite des ukrainischen Volkes. Wir wollen eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Demokratie.