Einmischen und zusammenhalten!

22.03.2024

Eigentlich wollte Gabi Gülzau Sonderschullehrerin werden. Zur Post ist sie als Quereinsteigerin gekommen, angefangen hat alles mit einem Teilzeitjob neben dem Studium: Abends von 18:00 bis 21:00 Uhr bearbeitete sie in der sogenannten Hausfrauenschicht die Abgangspost. Inzwischen ist sie freigestellte Betriebsratsvorsitzende bei der Deutschen Post AG, Niederlassung Betrieb Hamburg. Dort vertritt sie ca. 7.000 Beschäftigte. Die weit verzweigte Niederlassung umfasst über 70 Zustellstützpunkte, 10 Zustellbasen, zwei Briefzentren, ein Depot und ein großes Paketzentrum mit -Colocation.

 
Gabi Gülzau, BR-Vorsitzende DPAG NL Betrieb Hamburg

Auf über 30 Jahre Betriebsratsarbeit kann Gabi zurückschauen, sie war auch schon im Personalrat aktiv, als die Post noch ein staatliches Unternehmen war. Nun steht sie kurz vor der Verrentung, im Sommer wird sie ausscheiden. Noch fällt ihr der Gedanke daran schwer, sie liebt ihre Arbeit und die politische Auseinandersetzung: Sie habe sich schon immer engagiert und eingemischt, schon als Klassensprecherin in der Schule.

Gleich zu Anfang ihrer Tätigkeit trat Gabi in die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) ein. Ihrem Naturell entsprechend wurde sie dort schnell aktiv und nahm bei Versammlungen kein Blatt vor den Mund, sodass die Kolleg*innen sie bald zur gewerkschaftlichen Vertrauensfrau wählten. Von da an trat sie den berühmten Gang durch die Institutionen an; Gabi wurde erst in den örtlichen Gewerkschaftsvorstand, dann in den geschäftsführenden Vorstand gewählt – alles ehrenamtliche Positionen. „Das war eine sehr aktive Zeit, viele wollten etwas verändern und Verantwortung übernehmen“, erinnert sie sich. Anfang der 1990er-Jahre wählte sie der Personalrat schließlich als Teilzeitkraft in die Freistellung.

 

Kernthema Belastungen

Vieles hat sich seitdem verändert. In den Betriebsversammlungen seien heute die körperlichen und psychischen Belastungen die wichtigsten Themen – es gehe um Zustellmengen, Paketgewichte und um ständigen Zeitdruck. Die Post wolle vor dem Hintergrund, dass die Briefmengen zurückgehen und die Paketmengen steigen, in der Zustellung drastische Veränderungen vornehmen. Die sogenannte Verbundzustellung, bei der die Beschäftigten sowohl Briefe als auch Pakete zustellen, soll bis 2030 möglichst flächendeckend – also auch in den innerstädtischen Bereichen – eingeführt werden. „Das stellt die Kolleg*innen vor große Herausforderungen. Das Unternehmen wünscht absolute Flexibilität seitens der Beschäftigten.“

Gerade die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz stünden im Betriebsrat aktuell weit oben auf der Agenda, der Arbeitgeber sei auf diesem Ohr taub. Die arbeitswissenschaftliche Erkenntnis, dass ständiger Druck und Überforderung krank machen, blende er aus. „Da stoßen wir auf sehr viel Widerstand. Wir möchten jetzt endlich eine Betriebsvereinbarung abschließen, um die psychischen Gefährdungen zu ermitteln und daraus Maßnahmen abzuleiten, die unseren Kolleg*innen helfen.“

Auch das neue Postgesetz biete in der derzeitigen Fassung noch nicht das Erhoffte. „Wir setzen da jetzt auf den Bundesrat, um unsere Hauptziele, die Begrenzung der Paketgewichte in der Ein-Mann-Zustellung auf 20 Kilogramm und das Verbot von Subunternehmen durchzusetzen.“

Hoher Personaldurchsatz

Auch die Deutsche Post AG hat inzwischen mit Personalproblemen zu tun. Obwohl nach Gabis Schätzung in ihrer Niederlassung pro Woche mindestens 30 Leute neu eingestellt werden, erhöht sich der Personalstamm nicht. „Viele der Neuen scheiden schnell wieder aus. Entweder weil ihnen die Arbeit zu hart ist oder weil der Arbeitgeber sie nach zwei, drei Monaten als nicht geeignet einstuft.“ Es gebe viele Probezeitkündigungen. Das ist leider auch eine Folge der guten Betriebsratsarbeit: „Wir haben erkämpft, dass die Leute wieder unbefristet eingestellt werden.“ Langjährige Praxis des Arbeitgebers sei es gewesen, Mitarbeiter*innen zunächst befristet einzustellen und diese Befristung immer wieder zu verlängern – teilweise mehrere Jahre.

Als größten Erfolg der jüngeren Zeit betrachtet Gabi „die richtig gute Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit“, die vor zwei Jahren nach harten Auseinandersetzungen für die Niederlassung Hamburg erzielt werden konnte. „Jeder weiß nun verlässlich, wann er frei hat, wann er Feierabend hat und seine Zeit für sich planen kann.“ Allerdings bedeute die Vereinbarung auch eine Umstellung: Immer wieder müssten Kolleg*innen einen Teil ihrer Zustellmenge wieder mit zurücknehmen. Vielen Kolleg*innen – gerade denen, die schon länger bei der Post arbeiten – falle das schwer. Sie haben gelernt, dass jeder Brief zugestellt werden muss. „Unser Arbeitgeber erkennt nicht, welchen Stress das erzeugt, er ist in dieser Hinsicht total unterbelichtet. Kolleg*innen fangen teilweise unbezahlt früher an oder arbeiten länger, um ihre Tour zu schaffen.“ Der Druck, die Angst vor Konsequenzen seien hoch – mit negativen Folgen für den Krankenstand und das Betriebsklima.

 
Streik Tarifrunde DP AG Gabi streikt mit ihren Kolleg*innen während der Tarifrunde DP AG 2023

Für die Mitbestimmung kämpfen

Gabi stellt fest, dass es in den letzten Jahren mit der Mitbestimmung und den Gestaltungsmöglichkeiten schwieriger geworden ist: „Heute wird versucht, Maßnahmen an den Betriebsräten vorbei umzusetzen oder Probleme auszusitzen. Das Unternehmen wird zentralistisch geführt, Führungskräfte vor Ort treffen kaum eigene Entscheidungen. Wir führen als Betriebsräte oft Auseinandersetzungen mit Leuten, die eigentlich nicht die richtigen Ansprechpartner sind. Die sitzen in Bonn.“

Auch sei es schwieriger geworden, Beschäftigte von der Gewerkschaft zu überzeugen. „In meiner Niederlassung in Hamburg arbeiten Leute aus mehr als 100 Nationen. Wir haben als Betriebsrat oft keine gemeinsame Sprache mit den Beschäftigten. Und viele Kolleg*innen untereinander auch nicht.“ Unter diesen Bedingungen Kolleg*innen aus Ländern, in denen es weder Mitbestimmung noch Gewerkschaften gibt, für die Gewerkschaft zu werben, sei ein schwieriges Geschäft. Anders sei dies bei Streiks: „Da wird Gewerkschaft erlebbar, da entsteht Verbindung.“

Für Gabi sehr wichtige Herausforderungen, denen sich Betriebsräte und die Gewerkschaft künftig stellen müssen: Wie gelingt es uns, eine Belegschaft zu bleiben, die sich auch als solche versteht und in der alle an einem Strang ziehen? Wie können wir vermitteln, dass man nur gemeinsam den Arbeitgebern etwas entgegensetzen kann?

Wenn Gabi demnächst in Rente geht, will sie erst mal Pause machen. „Ich lasse das auf mich zukommen, will es genießen, mal keine Termine zu haben.“ In ihrem kleinen Wochenendhaus am Deich bei Bleckede will sie sich bei der Gartenarbeit entspannen und üben, nichts zu tun. Bei gutem Wetter wird sie aufs Fahrrad steigen, bei schlechtem Wetter viele Bücher lesen: „Eine große Leidenschaft, die mich in alle Ecken der Welt entführen kann.“ Aber leicht falle es ihr nicht, mit der Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit aufzuhören. „Ich bin eine echte Überzeugungstäterin, es wird mir fehlen.“

Ute Christina Bauer