Mitbestimmung

Bronze für Hermes

Deutscher Betriebsrätepreis 2020

Bronze für Hermes

In Bonn wurden Interessenvertretungen für ihre innovativen Projekte geehrt. Pandemiebedingt fiel die Verleihung des Deutschen Betriebsrätepreise in diesem Jahr etwas kleiner aus. Längst nicht alle Laudator*innen und nominierten Gremien waren nach Bonn zum Deutschen Betriebsrätetag gereist. Sie schickten, wie auch die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Andrea Kocsis, ihre Grüße als Videobotschaft. Sie hielt die Laudatio (s. weiter unten) auf den Gewinner des Deutschen Betriebsrätepreises in Bronze: Den Gemeinschaftsbetriebsrat der Zentrale der Hermes Germany GmbH in Hamburg.

Kulturwandel hat mitgeholfen

Die Kolleg*innen des Logistikunternehmens hatten gezeigt, dass es viel Geduld und Engagement braucht, um Verbesserungen durchsetzen zu können. 2014 hatten sie vom Deutschen Betriebsrätetag den Impuls mitgenommen, die Arbeitssituation der 200 Kolleg*innen im Kundenservice zu verbessern. Dazu wollten sie die Schichtplanung angehen. Gescheitert sei das am fehlenden politischen Wollen des Geschäftsführers und des Bereichsleiters. Erst ein Kulturwandel beim Mutterkonzern Otto machte es möglich, die Partizipation der Kolleg*innen zu stärken.

Weiteren Rückenwind bekam der Gemeinschaftsbetriebsrat durch die Ergebnisse einer Gefährdungsbeurteilung. Der Krankenstand war hoch, die Kolleg*innen unzufrieden mit der zentralen Planung ihrer Arbeitseinsätze, denn die führte ihrer Meinung nach zu „chaotischen Arbeitszeiten“, die nur wenige Möglichkeiten bei der Freizeitplanung möglich machten. Mehr Gleitzeit und mehr Mitbestimmung waren die Wünsche. Heute werden einige wenige Kolleg*innen festgelegt, die verlässlich früh beginnen, und andere, die das Ende der Schicht abdecken. Alle anderen sind frei darin zu entscheiden, zu welcher Zeit sie ihre Schicht beginnen. Eine sechsmonatige Pilotphase 2019 war erfolgreich, Anfang 2020 wurde eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen.

Gut strukturiertes Herangehen

„Diese für eure Branche richtungsweisende Schichtplanung hat überdies positiven Einfluss auf die Gesundheit eurer Kolleg*innen“,  sagte Andrea Kocsis mit Blick auf den deutlich gesunkenen Krankenstand. Sie hob in ihrer Laudatio hervor, wie gut strukturiert die Kolleg*innen an das Mitbestimmungsprojekt herangegangen sind. „Euer Einsatz ist hoffentlich ein Vorbild nicht nur für die gesamte ,Hermeswelt‘, sondern auch darüber hinaus für andere Betriebsräte, insbesondere der Logistik-Branche“, lobte sie die Preisträger*innen.

Die ganze Laudatio von Andrea Kocsis

 

Sonderpreis Corona

Aus ver.di-Sicht gab es noch einen weiteren Erfolg. Der Betriebsrat der Stadtwerke Böblingen konnte sich über den kurzfristig ausgeschriebenen Sonderpreis Corona freuen. Innerhalb weniger Tage nach Beginn des Lockdowns im Frühjahr hatten sie eine Betriebsvereinbarung auf den Weg gebracht, in der die Organisation und Bedingungen der Arbeit so gestaltet wurden, dass die Beschäftigten des Energieversorgers familiäre Bedürfnisse und Verpflichtungen erfüllen konnten und der Betrieb dennoch aufrecht erhalten werden konnten. Zudem haben sie mit der Vereinbarung dafür gesorgt, dass die systemrelevanten Bereiche betriebsbereit geblieben sind, selbst wenn Beschäftigte dort von Quarantänemaßnahmen betroffen waren. Der Arbeitgeber hatte dazu keine Initiative gezeigt, so dass der Betriebsrat das Heft des Handelns in die Hand genommen hat.

Den Sonderpreis teilen sich die Kolleg*innen aus Böblingen mit dem Betriebsrat der B. Braun Melsungen AG. Überreicht wurde der Preis von der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Elke Hannack.

Mehr Infos zum Preis, aber auch zum Wettbewerb 2021

Alle Preisträger*innen 2020:
Gold: Betriebsrat der Bahlsen GmbH & Co. KG, Werk Varel. Er konnte nach und nach durchsetzen, dass nicht nur die untersten Tarifgruppen im Werk abgeschafft wurden, sondern auch, dass rund 100 Frauen höher eingruppiert wurden. Dies führt letztendlich dazu, dass Tätigkeiten unabhängig vom Geschlecht gleich entlohnt werden.

Silber: Betriebsrat der HWK – Hüttenwerke Königsbronn GmbH. Der Betriebsrat entwickelt in der 3. Insolvenz ein umfangreiches Maßnahmenpaket, mit dem er den drohenden Verlust von 160 Arbeitsplätzen abwenden konnte. Mittlerweile sind die Auftragsbücher wieder voll. Dafür bekamt der Betriebsrat außerdem noch den Publikumspreis.

Bronze: Gemeinschaftsbetriebsrat Hermes Germany GmbH, Hamburg

Sonderpreis Innovative Betriebsratsarbeit: Betriebsrat Robert Bosch GmbH am Standort Schwieberdingen, der sich mit seiner modernen Öffentlichkeitsarbeit die Aufmerksamkeit der Arbeitnehmerinnen sichert

Sonderpreis Zukunftssicherung: Gesamtbetriebsrat Hewing GmbH, Ochtrup, der zahlreiche Entlassungen abwenden konnte

Sonderpreis Corona: Betriebsrat der Stadtwerke Böblingen sowie der B. Braun Melsungen AG

 Der Deutsche Betriebsrätepreis...

... ist eine Initiative der Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“. Er zeichnet seit 2009 das Engagement und die erfolgreiche Arbeit von Betriebsräten aus, die sich nachhaltig für den Erhalt oder die Schaffung von Arbeitsplätzen oder für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Unternehmen einsetzen. In der Jury sitzen Vertreter*innen von Gewerkschaften, aus der Wissenschaft und ausgewiesene Praktiker*innen.