Mitbestimmung

Aufsichtsrat bei der Deutschen Post AG

Aufsichtsrat bei der Deutschen Post AG

In der Fortführung der Artikelserie zu den Aufsichtsratswahlen bei der Deutschen Post AG (DP AG) berichtet ver.di über die Aufsichtsratstätigkeit eurer Arbeitnehmervertreter*innen. Was ist ihre Aufgabe und warum ist ihre Tätigkeit so wichtig? Stefanie Weckesser, ver.di-Betriebsrätin in der Niederlassung Brief Augsburg und betriebsinterne Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat, und Stephan Teuscher, Bereichsleiter für Tarif im Bundesfachbereich E und betriebsexterner Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der DP AG, klären auf.

 Privat und ver.di Stephan Teuscher und Stefanie Weckesser

 

ver.di: Liebe Stefanie, du bist bereits seit dem Jahr 2000 Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat. Stephan, du bist als Gewerkschaftsvertreter der ver.di seit Ende 2012 Mitglied im Aufsichtsrat. Was sind eure Aufgaben? Was macht ihr dort genau?

Stefanie: Nun, wie der Name schon ausdrückt, wir beaufsichtigen die Arbeit des Vorstands, ohne allerdings operativ das Geschäft zu führen. Wir haben viele Kontrollaufgaben und der Vorstand muss dem Aufsichtsrat Rede und Antwort stehen. Bestimmten Entscheidungen muss ein Aufsichtsrat zustimmen, zum Beispiel wie viel Dividende an Aktionär*innen ausgezahlt wird, also wie der Gewinn verteilt wird, ob ein neues Unternehmen gekauft wird sowie bei der Bestellung von Vorstandsmitgliedern.

Stephan: Damit wir die Situation bei der Aktiengesellschaft gut einschätzen können, berichtet der Vorstand umfassend an den Aufsichtsrat über den Verlauf der Geschäfte, die Risiken aber auch über die Chancen. Ich bin mit Stefanie zusammen im Finanz- und Prüfungsausschuss. Im Rahmen dieser Ausschussarbeit werden zu jeder Sitzung die wirtschaftlichen Zahlen genau analysiert und diskutiert, Ausgaben und Umsatz sowie Gewinn werden fortlaufend erörtert.

Dabei ist es aber notwendig, sich darüber im Klaren zu sein, dass der Aufsichtsrat nur ein Kontrollorgan ist und nicht die Aktiengesellschaft führt. Das ist die Aufgabe des Vorstandes des Konzerns Deutsche Post DHL.

ver.di: Was ist eurer Meinung nach der Mehrwert für Arbeitnehmer*innen, dass sie im Aufsichtsrat vertreten sind?

Stefanie: Wichtig ist für jede*n Kolleg*in die Sicherheit des Arbeitsplatzes und die sichere Bezahlung für ihre geleistete Arbeit. Voraussetzung hierfür ist, dass möglichst viel Geld im Unternehmen bleibt und Fehlinvestitionen in Geschäfte unterbleiben. Zur Entwicklung des Unternehmens ist es somit von Bedeutung, wie viel Geld wieder im Unternehmen investiert wird.

Stephan: Im Aufsichtsrat nehmen wir Einfluss auf wichtige Unternehmensentscheidungen. Unser Ziel ist eine solide und zukunftsorientierte Unternehmenspolitik, die eine stabile Grundlage für Sicherheit und Perspektive für die Beschäftigten schafft.

ver.di: Wie wirkt sich das auf die Arbeitsbedingungen aus?

Stefanie: Eine wichtige Frage ist hierbei, wohin fließen die Investitionen? In neue Gebäude, in bessere Arbeitsbedingungen, bessere Elektroautos als der Streetscooter 1, Investitionen in neue Zustellstützpunkte und Paketzentren? Die Arbeitsbedingungen konnten dadurch verbessert werden, dass die Fahrradzustellung mit dem E-Bike nun der Normalfall ist. Das war mit einer großen Investition verbunden.

Stephan: Ein erfolgreiches Unternehmen hat natürlich eine gute Grundlage zur Fortentwicklung der Tarifverträge, um Arbeitsbedingungen und Tarifbedingungen zu verbessern.

ver.di: Wie ist die Zusammenarbeit mit der Arbeitgeberseite?

Stefanie: Im Aufsichtsrat arbeitet man mit dem Vorstand und den zehn Vertreter*innen der Anteilseigner zusammen. Die Diskussionen sind offen. Es werden auch die unterschiedlichen Standpunkte zwischen uns und den zehn Anteilseigner*innen klar, wie zum Beispiel bei der Entscheidung über die Höhe der Dividende.

Stephan: Durch das Doppelstimmrecht des Aufsichtsratsvorsitzenden hat die Gruppe der Anteilseigener*innen in kontroversen Abstimmungen eine garantierte Mehrheit. Daher ist es manchmal sehr wichtig, bei der Diskussion der unterschiedlichen Positionen im Aufsichtsrat auch einen möglichen einvernehmlichen Kompromiss zu suchen.

ver.di: Was war bisher euer größter Erfolg, den ihr gemeinsam im Aufsichtsrat durchsetzen konntet?

Stefanie: Die Deckelung der Vorstandsvergütung. Das ist im Vergleich zu der Bezahlung der Beschäftigten im Unternehmen wahnsinnig viel Geld und die Frage ist natürlich, ob ein Mensch überhaupt so erfolgreich sein kann, dass er Millionen verdient. Deshalb ist uns als Arbeitnehmervertreter*innen im Aufsichtsrat die absolute Obergrenze der Vorstandsvergütung so wichtig. 

Stephan: Auch in dieser Frage musste ein Kompromiss zwischen den Vertreter*innen der Anteilseigner*innen und Vertreter*innen der Arbeitnehmer*innen im Aufsichtsrat gefunden werden.

ver.di: Und was war das größte Ärgernis im Laufe eurer Aufsichtsratstätigkeit?

Stefanie: Die Gründung der DHL Delivery GmbH 2015. Diese Entscheidung des Vorstandes war falsch. Die DHL Delivery wurde ja 2019 wieder zurückgeführt, aber aus meiner Sicht ist hier Vertrauen und viel Geld verspielt worden.

Stephan: Ja, das war eine extrem schwierige Situation, denn die Schutzverträge, gegen die verstoßen wurde, waren u.a. von mir für ver.di verhandelt. Und plötzlich wurden diese Verträge vom Postvorstand einfach ignoriert. Das war und ist noch heute einfach unglaublich!

ver.di: Wenn man an Aufsichtsrät*innen denkt, denkt man oft an Manager*innen, die sehr viel Geld verdienen. Ist das bei euch auch so? Werdet ihr für das Aufsichtsratsmandat vergütet?

Stefanie: Wer diese Arbeit wegen des Geldes machen will, kann gleich wieder aufhören. Wir als Arbeitnehmervertreter*innen führen den Großteil unserer Aufsichtsratsvergütung an die Hans-Böckler-Stiftung ab. Dies wird kontrolliert, jedes Gewerkschaftsmitglied kann nachlesen, ob unsere Aufsichtsratsmitglieder die Vergütung abgeführt haben. Das wird jedes Jahr in der ver.di Publik veröffentlicht. Bevor man kandidiert, muss man sich verpflichten, das Geld abzuführen. Wer das nicht macht, kann auch nicht als Mitglied im Aufsichtsrat kandidieren.

Stephan: Ja, das ist auch bei uns hauptamtlichen Gewerkschaftsvertreter*innen so. Aus der Abführung an die Hans-Böckler-Stiftung werden Stipendien und Studien finanziert.

ver.di: Die Arbeitnehmer*innenvertretung setzt sich aus betriebsinternen Aufsichtsratsmitgliedern und externen Gewerkschaftsvertreter*innen zusammen. Was ist der Mehrwert von betriebsexternen Gewerkschaftsvertreter*innen? Was bringen die betriebsinternen Aufsichtsratsmitglieder mit?

Stefanie: Wir aus dem Unternehmen kennen das Geschäft: Wie läuft es vor Ort, wie sind die Arbeitsbedingungen und was sagen die Beschäftigten. Unsere Vertreter*innen von ver.di haben den Überblick von außerhalb der Deutschen Post AG, profitieren von größerer Unabhängigkeit vom Unternehmen und bringen die tarifpolitische Kompetenz mit ein.

Stephan: Gerade dieser Mix aus betrieblichem Sachverstand und tarif- und gewerkschaftspolitischer Orientierung stellen für mich eine sehr gute Grundlage für eine erfolgreiche Interessenvertretung der Arbeitnehmer*innen im Aufsichtsrat sicher.

ver.di: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei eurer Aufsichtsratstätigkeit, um die Interessen der Beschäftigten nachhaltig zu vertreten. 

 

Die Aufsichtsratswahlen bei der DP AG finden als sogenannte Delegiertenwahlen statt. Vom 31. Januar bis 2. Februar 2023 könnt ihr Delegierte aus euren Betrieben wählen. Die gewählten Delegierten wählen sodann am 22./23. März 2023 die Arbeitnehmervertreter*innen in den Aufsichtsrat. Wählt eure ver.di-
Kandidat*innen im Betrieb, um weiterhin eine starke Vertretung im Aufsichtsrat zu haben!