Mitbestimmung

„Gutes zu tun, wo ganz viele was davon haben.“

Die Kraft des Wir

„Gutes zu tun, wo ganz viele was davon haben.“

11.12.2018 +++ Warum sich junge Beschäftigte auf den Weg gemacht haben und im Betriebsrat aktiv sind, Wie wurden sie dabei begleitet, was bewegt sie bei ihrer Arbeit, was treibt sie an? Wir sprachen mit drei jungen Betriebsräten darüber.

Die Böckler-Stiftung spricht von Herausforderungen des demografischen Wandels in den Betriebsratsgremien. Laut den vorläufigen Zahlen nach den Betriebsratswahlen in diesem Jahr – auf Basis der Daten von ver.di und der IG Metall – machen die unter 30-Jährigen nur 8,7 Prozent unter den Betriebsräten aus. Wir sprachen mit jungen Betriebsräten in der Branche. Abdelhak Benayad wurde mit 27 Jahren in den Betriebsrat gewählt, Alexandra Kern mit 22 und Mirco König mit 24. Allen ist gemeinsam: Sie haben Menschen hinter sich, die ihnen Mut zugesprochen und Türen geöffnet haben. Sie sind in ihrer Arbeit in den Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) gewachsen, fühlen sich in ihrer Arbeit im Betriebsrat für die Kolleginnen und Kollegen bestätigt und haben schlichtweg Spaß an ihrer Arbeit.

Wir wollten von ihnen wissen, wie und warum sie sich als junge Beschäftigte auf diesen Weg gemacht haben, wie sie dabei begleitet wurden, was sie bei ihrer Arbeit bewegt und ihr Antrieb ist. Schließlich verlässt man ja nicht die Schule beziehungsweise Berufsschule
und sagt: Ich will Betriebsrat werden.

Abdelhak Benayad, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender Niederlassung
Brief der Deutschen Post in Dortmund. ver.di Abdelhak Benayad

Abdelhak Benayad | Während seiner Ausbildung zur Fachkraft für Brief- und Frachtverkehr bei der Niederlassung Brief der Deutschen Post in Dortmund im Jahr 1995 wurde Abdelhak Mitglied der Deutschen Postgewerkschaft (DPG) und gleich von der Jugendvertretung in den Ortsjugendausschuss geholt. Von Jugendvertretern angesprochen, doch für die JAV zu kandidieren, setzte er zunächst andere Prioritäten – die Ausbildung und den Führerschein. Danach kandidierte Abdelhak für die JAV in seinem Betrieb und wurde ihr Vorsitzender. „Meinen ersten Arbeitstag als Jugendvertreter im Betrieb vergesse ich nie“, erzählt Abdelhak. „Ich saß im Büro und habe gedacht, das passt doch nicht, den ganzen Tag hier zu sitzen. Das ist nichts für mich“. Er habe jedoch ganz schnell gelernt, dass man als Interessenvertreter eben nicht im Büro festsitzt, sondern zu den Beschäftigten geht. „Direkt jeden Tag an die Basis zu ziehen, das fühlte sich richtig an. Auch in der Berufsschule mit den Lehrern und dem Direktor genau über die Themen zu sprechen, die in der Ausbildung auftreten. Das habe ich zwei Jahre lang für die Auszubildenden und jungen Beschäftigten im Betrieb gemacht und in der Zeit vieles verändern können. Das bestätigte mich.“

Der Betriebsrat habe gesehen, „der kommt an die Jugendlichen ran, der macht einen guten Job“. Anderen Jugendvertretungen zu zeigen, was man tun kann, war ihm ebenso ein Anliegen und führte ihn zu der Gesamt- Jugend- und Auszubildendenvertretung (GJAV) der Deutschen Post AG von 2001 bis 2004. „Meine Leute in Dortmund meinten dazu, die Tür für mich sei immer offen. Lern jetzt noch dazu. So war es auch.“ Als stellvertretender GJAV-Vorsitzender habe er den Konzern und die Interessenvertretungen auf andere Weise kennengelernt. In den verschiedensten Betrieben sei er unterwegs gewesen, habe viel gelernt und die Jugendvertreter unterstützen können.

Warnstreik am 13. November 2018 bei DHL Delivery in Dortmund. ver.di Warnstreik am 13. November 2018 bei DHL Delivery in Dortmund.

2004 sprachen ihn seine Kollegen vom Betriebsrat in Dortmund an, doch für den Betriebsrat zu kandidieren. Das habe er gemacht und sich im Betriebsrat auch weiter der Jugendarbeit verschrieben. Das Thema Ausbildung sei ihm wichtig. „Mir liegt besonders sehr am Herzen, dass wir unsere duale Ausbildung weiterführen. Die duale Ausbildung in Deutschland genießt nicht ohne Grund weltweit einen guten Ruf. Damit haben junge Menschen hervorragende Perspektiven im Berufsleben und das Unternehmen qualifizierte  Nachwuchsfachkräfte.“ Er könne nicht mehr hören, wie über fehlendes Fachpersonal geklagt werde, gleichzeitig wolle man aber Fachausbildung eindampfen. „Wir haben in der Niederlassung gemeinsam – Leitung, Betriebsrat und Jugendvertretung – einen Antrag auf Erhöhung der Ausbildungsquote FKEP gestellt.“

Seit 2014 ist Abdelhak in der Niederlassung Brief der Deutschen Post in Dortmund stellvertretender Betriebsratsvorsitzender.

Alexandra Kern, Betriebsrätin im Unternehmen BLG Industrielogistik GmbH & Co. KG in Leipzig ver.di Alexandra Kern

Alexandra Kern | Alexandra arbeitet im Unternehmen BLG Industrielogistik GmbH & Co. KG in Leipzig. Das zur BLG Logistik Group gehörende Unternehmen hat rund 1000 Beschäftigte, davon sind circa 270 in Leiharbeit beschäftigt. Alexandra begann dort ihre Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. In dieser Zeit trat sie in ver.di ein. Gleich zu ihrer ersten Wahl zur JAV im Jahr 2012 wurde Alexandra aufgestellt und als Vorsitzende gewählt, wie auch in den beiden darauffolgenden Wahlen. „Im Betrieb gab es, als ich in die Ausbildung kam, bereits eine stabile JAV-Arbeit. Der Betrieb bildet regelmäßig zwischen zwölf bis fünfzehn Jugendliche aus. Die  Jugendlichen, die ich also durch meine Arbeit in der JAV betreut habe, die sehe ich dann im Betrieb weiterhin. Die Ausgebildeten bleiben in der Regel im Betrieb“, sagt Alexandra.

„Damals fand ich die JAV einfach nur interessant. Aber wenn man einmal darin gefangen ist, macht das viel Spaß, man lernt sehr viel dazu. Und vor allem lernt man viele Kolleginnen und Kollegen kennen, die mit an dem Strang ziehen.“ Sie sagt sie sei so eine, die sage, wenn was nicht passe und suche dazu eine Lösung. Sie habe bei ihrer JAV-Arbeit freie Hand gehabt, das habe ihr auch dabei geholfen, sich selbst weiterzuentwickeln. „Wenn ich an Grenzen gestoßen bin, habe ich Unterstützung bekommen. So bin ich Schritt für Schritt erwachsen geworden in meiner Arbeit.“

Nach sechs Jahren aktiver JAV-Arbeit sei der Betriebsrat auf sie zugekommen wegen der Kandidatur. „Wir möchten, dass du dich aufstellen lässt, sagten sie und haben mich dabei unterstützt. Ich wollte Betriebsratsarbeit machen, denn ich finde gut dazu beizutragen, Arbeitsbedingungen im Betrieb zu verbessern. Wie es so ist, in einem Betrieb in der Größe läuft nicht alles rund, da muss man vieles für die Kollegen klären. Man kann ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gutes zu tun, wo ganz viele was davon haben, das finde ich gut.“ Sie habe sich entschieden „zweigleisig“ zu fahren, mit 22 Jahren habe sie damals noch nicht in die Freistellung als Betriebsrat gewollt, sondern wollte sich auch auf ihrem beruflichen Feld weiterentwickeln.

Warnstreik in der Logistik in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen im Juli 2017. ver.di Warnstreik in der Logistik in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen im Juli 2017.

Seit 2017 ist sie Betriebsrätin und arbeitet im Betriebsausschuss. Es gebe viele Schwerpunktthemen zu regeln, wie die  Arbeitszeitkonten. Das Unternehmen habe schwankende Aufträge, bei Flexibilisierung seien die Interessen der Beschäftigten zu regeln. Ein weiteres wichtiges Anliegen sei, dass es zunehmend viele ausländische Kollegen gebe. Leiharbeitnehmer aus rund 20 verschiedenen Nationalitäten arbeiteten im Betrieb. Deshalb seien Deutschkurse so wichtig, für die Verständigung bei der Arbeit und genauso für ihre arbeitsrechtlichen Fragen.

Alexandra ist im Betriebsrat die Jugendbeauftragte. Die Jugend rechtzeitig einzubinden, auch in die Gremien, das sei ihr eine Herzensangelegenheit. „Bei mir fing ja auch alles mit der JAV-Arbeit an!“

Mirco König, Betriebsratr Niederlassung
Brief der Deutschen Post AG in Karlsruhe. ver.di Mirco König

Mirco König | Mirco begann seine Ausbildung zur FKEP im Jahr 2010 in der Niederlassung Brief der Deutschen Post AG in Karlsruhe. In der Zeit seiner Ausbildung sei er Gewerkschaftsmitglied geworden. Erst in der Ausbildung habe er erfahren, was Gewerkschaft sei und was sie für gerechte Arbeitsbedingungen tun könne. In der Schule sei das nie ein Thema gewesen. „In meiner Ausbildung hat mir gefallen, was meine JAV da gemacht hat für uns Auszubildende. Ich habe mich deshalb zur Wahl gestellt und wurde 2012 der stellvertretende Vorsitzende und 2014 der JAV-Vorsitzende in unserer Niederlassung und damit auch Bindeglied der JAV in Baden-Württemberg zur GJAV.“

„Ein Riesenthema war immer das Thema der Übernahme“, erzählt Mirco und dass es in einem so großen Unternehmen immer sehr spät zur Entscheidung zur Übernahme käme. Wohin die Ausgebildeten kommen, müsse man doch schon bei der Planung der Auszubildendenzahlen wissen. Sonst würde das Ungewissheit für die jungen Menschen bedeuten.

Aktion „Gute Rente“ der ver.di-Jugend auf dem Schlossplatz in Stuttgart im August 2017. ver.di Aktion „Gute Rente“ der ver.di-Jugend auf dem Schlossplatz in Stuttgart im August 2017.

„Es gab in der JAV-Arbeit viele Momente, an denen man wächst, die mich bestärkt und mir persönlich Freude bereitet haben.“ Sein prägendstes Erlebnis sei gewesen, dass er einer sehr jungen Kollegin habe helfen können. „Sie war eine junge Mutter in Ausbildung und hatte Probleme. Sie wurde in der Probezeit gekündigt. Das konnte ich abwenden. Das sind solche Momente!“.

„Angesprochen von der Jugendbeauftragten des Betriebsrates, ob ich mich für den Betriebsrat aufstellen lassen würde, da war für mich klar das zu machen.“ Mirco wurde mit 24 Jahren in den Betriebsrat gewählt. Es mache ihm extrem Freude, Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen zu haben und ihnen helfen zu können. „Die Zustellung im Brief- und Verbundbereich, das ist mein Thema!“

Für eine starke Vertretung