Mitbestimmung

Wie Corona die (Betriebsrats-)Arbeit bei der Post verändert

Wie Corona die (Betriebsrats-)Arbeit bei der Post verändert

Anfang Februar berichtete eine Betriebsrätin aus der Logistik von ihren Erfahrungen und wie sie als Gremium die Herausforderungen der Pandemie bewältigen. Das Interview findet sich hier

Wie sich die Situation bei der Post gestaltet und welche Maßnahmen Betriebsräte ergreifen, um mit ihren Kolleg*innen in Kontakt zu bleiben und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, schildert dieses Mal Stefan Schneider, Betriebsrat bei der Deutschen Post AG.

 Privat Stefan Schneider, Regionalbeauftragter Hessen & Betriebsrat, Niederlassung Betrieb Wiesbaden

Wer bist du, was ist dein Job und in welchem Bereich? Was sind deine Aufgaben?

Mein Name ist Stefan Schneider, ich bin freigestellter Betriebsrat in der Niederlassung Betrieb Wiesbaden und Regionalbeauftragter Hessen. Von daher bin ich auch Mitglied im Gesamtbetriebsrat und in vielen ver.di-Gremien aktiv. Nach wie vor beschäftige ich mich intensiv mit der Situation der Befristeten, insbesondere im Bereich der Paketzustellbasen. Wir informieren derzeit im Betrieb über unsere Aktion „(un)befristet“ und sprechen direkt alle Befristeten und die aktuell Entfristeten darauf an, wie wichtig ihre Mitgliedschaft in unserer Organisation ver.di und der GUV/FAKULTA ist. Außerdem ist eines meiner Themen die Digitalisierung, aktuell begleite ich die Pilotierung von OnTrack.

Was hat sich in deinem Arbeitsalltag und bei deinen Aufgaben durch die Corona-Pandemie verändert?

Im ersten Lockdown vor einem Jahr waren wir alle sehr verunsichert. Wir, die Betriebsräte, waren im Homeoffice und sind nur im absoluten Ausnahmefall in die Betriebe gefahren. Die Einführung des Zwei-Wellenverfahrens, die Schutzmaßnahmen in den stationären Bearbeitungsstellen und in der Verwaltung haben uns vor große Herausforderungen gestellt. Wir haben schon früh im letzten Jahr damit begonnen, unsere Sitzungen online durchzuführen. Der persönliche Kontakt und Austausch fehlt allerdings.

Im zweiten Lockdown haben wir unsere Betriebsbesuche unter Beachtung aller Hygienevorgaben fortgeführt. Das ist auch wichtig, denn wir sind nicht nur im Vollbetrieb, wir haben durch den Paketmengenzuwachs sogar viele neue Arbeitsplätze dazu bekommen. Der Arbeitgeber selbst fährt sein Programm wie gewohnt weiter, auch in Bezug auf Bemessungen und Mitarbeitergespräche. Zudem müssen wir im Betrieb immer wieder bei den Vorgaben der Gefährdungsbeurteilungen nachsteuern. Wir können die Belegschaft nicht alleine lassen. Aber ich kann auch sagen, dass das Unternehmen Deutsche Post AG in der Pandemie oft sehr vorbildlich agiert. Wichtig ist, dass wir gemeinsam die Maßnahmen vertreten und umsetzen. Die Gesundheit der Beschäftigten muss immer im Vordergrund stehen.

Wie geht ihr als Belegschaft damit um? Hat sich etwas durch Corona verändert?

Am Anfang war die Akzeptanz des Tragens des MNS nicht allzu hoch. Mittlerweile haben sich die Mitarbeiter*innen daran gewöhnt. Aber alle sehnen sich logischerweise nach der Normalität.

Wie geht ihr als Betriebsrat mit den Veränderungen um? Wie laufen Betriebsversammlungen ab, wie kommuniziert ihr mit euren Kolleg*innen?

Unser örtlicher Betriebsrat beschäftigt sich derzeit intensiv mit den Anpassungen der Gefährdungsbeurteilung. Hier haben wir eine tolle Unterstützung, insbesondere durch Wolfgang Euler, der auch aus meiner Niederlassung kommt und im Gesamtbetriebsrat für den Arbeits- und Gesundheitsschutz zuständig ist. Zentrale Betriebsversammlungen konnten wir keine mehr durchführen. Wir informieren durch regelmäßige BR- und VL-Infos und durch örtliche Betreuungsbesuche. Auch gibt es Versammlungen in Kleingruppen und – wenn die Wettersituation es zulässt – im Freien.

Wie lässt sich Gewerkschaft trotzdem im Betrieb erlebbar machen?

Mit unseren Betriebsgruppenmitgliedern und Vertrauensleuten führen wir nun regelmäßige Webex-Meetings durch – und seit Corona als gemeinsame Veranstaltungen der Betriebsgruppen BRIEF Wiesbaden und BRIEF Darmstadt. Das wäre aufgrund der räumlichen Entfernungen vorher so nicht umsetzbar gewesen. Ohne die Pandemie wären wir in den nächsten Jahren sicher nicht auf diese Idee gekommen. Es gibt allerdings auch VL, die nicht mit diesen neuen Medien umgehen möchten. Das ist auch okay so. Deshalb freuen wir uns wieder auf Präsenzveranstaltungen. Aber auch dann wird es immer mal wieder ein Webex-Meeting mit VL geben, gerade bei kurzfristigem Informationsbedarf. Darüber hinaus nutzen wir weiterhin unsere VL-Messengergruppen, die hatten wir auch vor der Pandemie schon.

Wie geht es dir mit den Veränderungen?

Mir fällt es schwer, mit FFP2-Maske morgens durch die Reihen zu gehen, um mit den Beschäftigten zu reden. Und ich verstehe unsere Kolleg*innen im Betrieb, dass sie dadurch eine deutlich erschwerte Arbeitssituation haben. Aber es gibt momentan keine Alternative dazu. Zusätzliche Arbeitsunterbrechungen oder Pausen – wenn Tragezeitunterbrechungen nicht möglich sind – sollten deshalb nach der Gefährdungsbeurteilung eingelegt werden. Die „alten“ Probleme haben sich durch Corona nicht erledigt, eher noch zugenommen, deshalb darf der Austausch nicht nachlassen. Die Belastungssituation wurde durch Corona noch verschärft, leider in allen Bereichen.

Warum bist du ver.di-Mitglied?

Ich bin vor über 40 Jahren in die DPG eingetreten. Damals, als 15-Jähriger, war mir die Wichtigkeit nicht bewusst. Es würde den Rahmen sprengen, all die Vorzüge zu nennen, von denen ich überzeugt bin und mit denen ich im Betrieb Mitglieder werbe. Den Zweiflern sage ich, dass man sich nur Betriebe mit niedrigem Organisationsgrad anschauen muss. Ohne Tarifvertrag, ohne Schutz, ist halt alles doof. Wir müssen froh sein, in einem Betrieb mit einer starken Gewerkschaft im Rücken zu arbeiten. Nun gilt es, die vielen Neu-eingestellten auch davon zu überzeugen und mitzunehmen.

Vielen Dank Stefan für deine Zeit und deine Einblicke. Bleib (weiterhin) gesund!