Mitbestimmung

Betriebsrat aus Leidenschaft

PIN Mail AG

Betriebsrat aus Leidenschaft

Robert Pinkus mit seinem Fahrrad Christian von Polentz Robert Pinkus, PIN Mail AG

Interessenvertretung bei der PIN Mail AG

28.2.2018 +++ „Wenn wir das damals nicht einfach angefangen hätten, ich kann mir kaum vorstellen, wo wir heute wären“, sagt Robert Pinkus. Der Betriebsrat bei der PIN Mail AG erinnert sich an die Zeiten, als er und sechs ver.di-Mitstreiter 2006 antraten, um echte Mitbestimmung im aufstrebenden neuen Postunternehmen zu etablieren.

In Hinterzimmern von Kneipen trafen sie sich anfänglich fast konspirativ, um eine reine ver.di-Liste für die Betriebsratswahl aufzustellen. „Spießrutenlauf“ sei das gewesen, im Unternehmen wurde massiv gegen die Gewerkschafter und gegen ver.di Stimmung gemacht. Drei ver.di-Mitglieder schafften es dennoch in den damals siebenköpfigen Betriebsrat. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, wie sich ein Jahrzehnt später zeigt.

Er arbeitete seit 2002 bei der PIN als Zusteller, erzählt Pinkus. Drei Jahre später trat er ver.di bei, um etwas gegen die prekären Arbeitsbedingungen zu tun. Auch gegen den arbeitgebernahen Betriebsrat, der damals „unselige Betriebsvereinbarungen abnickte“. Niedrige Bezahlung, viele befristete Verträge, unklare Entgeltstrukturen, Arbeitszeiten weit über gesetzliche Vorgaben hinaus, ein intransparentes System von Prämien und Boni waren Praxis. „Die Krönung war eine Vereinbarung, die die Rückholung aus dem Urlaub gestattete“, erinnert sich Pinkus. Dagegen gingen die neuen ver.di-Betriebsräte hartnäckig vor. Auch gegen die Praxis der Geschäftsleitung, Leiharbeiter zwischen der PIN und einer Zeitarbeitsfirma nach Gusto hin- und herzuschieben. Mehrere Hundert Leiharbeiter beschäftigte die PIN in Spitzenzeiten. „Das war ein zäher Kampf, jetzt gibt es bei uns vielleicht noch eine Handvoll als Urlaubsvertretungen…“, weiß der Betriebsrat. Erst schrittweise wuchs durch echte Interessenvertretung – die Kollegen wurden regelmäßig bei ver.di geschult – und mit Durchhaltevermögen auch die Akzeptanz unter den Beschäftigten. Der ver.di-Anteil im Betriebsrat wuchs. So konnten sämtliche Strukturveränderungen im Unternehmen, die hohe Fluktuation bei ständig steigenden Beschäftigtenzahlen, Probleme mit der Bezahlung und damals mit dem Postmindestlohn von den Betriebsräten gemeistert werden. Selbst der Zusammenbruch der PIN Group 2008, der dem verbleibenden Unternehmensteil einen Schuldenberg hinterließ. Glatt lief die Mitbestimmung oft nicht. Mehrfach musste der Betriebsrat außerplanmäßig neu gewählt werden; seit 2013 arbeitet ein reiner ver.di-Betriebsrat. „Und die vergangene Wahlperiode ist wohl die erste, die wir über die volle Zeit ausgefüllt haben“, schmunzelt Pinkus.

Steckbrief PIN Mail AG

Die heutige PIN Mail AG wurde 1999 als PIN intelligente Dienstleistungen gegründet und startete den Postzustellbetrieb mit fünf Beschäftigten. Heute hat das Unternehmen, das im Dezember 2016 von der niederländischen Postcon gekauft wurde, mit Töchtern gut 1300 Beschäftigte.

Nach eigenem Wachstum war die PIN ab 2006 von den Verlagen Axel Springer, WAZ und Holtzbrinck aufgekauft und in die PIN Group eingebracht worden. Nach Zerschlagung der Group 2008 blieb auch die Berliner PIN Mail AG bestehen, die heute 18 Depots in der Hauptstadt hat. Sie war zunächst eine vollständige Holtzbrinck-Tochter und betrieb eine strategische Partnerschaft mit der TNT Post Deutschland. ver.di kritisierte seit dem Unternehmensstart des Postdienstleisters mit dem grünen Logo die niedrigen Einkommen der Beschäftigten, die oft unter dem Existenzminimum lagen. Nach Scheitern des Postmindestlohnes ließ die Geschäftsleitung 2010 einen ersten Versuch zu Haustarifverhandlungen mit ver.di platzen. 2013 wurde ein Tarifabschluss erzielt.

   
Erreicht wurde gerade in den letzten Jahren vieles. Die Betriebsräte bekundeten immer wieder ihr Interesse an einem florierenden Unternehmen mit einem professionellen Zustellmanagement. „Wir wollten auch, dass die PIN die Krise meistert. Mit Beschäftigten, die sich ernst genommen fühlen, ordentlich bezahlt werden, ihre Arbeitszeiten einigermaßen planen können und keiner Willkür des Managements ausgesetzt sind, geht das besser, haben wir der Geschäftsführung immer wieder gesagt.“ Der „Dezemberknall“ von 2010 steckte allen in den Knochen. Die Geschäftsführung hatte mit ver.di vereinbarte Tarifverhandlungen platzen lassen. Mit der Begründung, dass sich nicht alle Beschäftigten durch den selbstgewählten Betriebsrat vertreten fühlten. Als die Gewerkschaft – auf der Basis einer gewachsenen Mitgliedschaft – im ersten Halbjahr 2013 erneut zur Tarifverhandlungen aufrief, kamen auch auf die Betriebsräte Monate harter Auseinandersetzungen zu. „‚Ich leg’ mich doch nicht mit meinem Feind ins Bett‘, tönte es damals schon mal aus der Geschäftsführung. Von sachlicher und respektvoller Zusammenarbeit waren wir noch weit entfernt“, so Pinkus. Als nach Streiks und Aussperrung kurz vor Weihnachten endlich ein Haustarifvertrag bei der PIN AG abgeschlossen werden konnte, war das ein Riesenerfolg.

Die Belegschaft profitiert

„Seither hat sich das Klima auch für uns Betriebsräte sehr verbessert“, sagt der Aktive: „Niemand unterstellt mehr, dass wir die Firma kaputtmachen wollen.“ Doch vor allem die Belegschaft habe profitiert: Im Manteltarifvertrag sind jetzt klare Arbeitszeitkorridore festgelegt, Sonderurlaub und Ähnliches seien klar geregelt, keine Sache der Freiwilligkeit von Vorgesetzten mehr. Die Einhaltung kontrolliere der Betriebsrat. Entgelte sind in den vergangenen Jahren ordentlich gestiegen, es gibt Festbeträge statt Boni. Dass befristete Verträge nach einem Jahr entfristet werden, „macht den Arbeitgeber attraktiver“. Solche Zusammenhänge hat man inzwischen offenbar auch in der Chefetage erkannt. Im verjüngten Management sehe man die Beschäftigten inzwischen als entscheidendes Kapital. „Und bei der Suche nach Arbeitskräften wirbt die PIN regelrecht mit Bezahlung nach Tarif und Vertretung durch einen Betriebsrat. Davon konnten wir anfänglich nur träumen“, sagt Robert Pinkus. Er sei „Betriebsrat aus Leidenschaft“ gibt er zu Protokoll. Er gehe gern auf Leute zu, sei viel in den Depots unterwegs, habe ein offenes Ohr für alle, müsse oft genug aber auch über elementare arbeitsrechtliche oder soziale Fragen aufklären. Er scheut keinen Konflikt und sieht es als seine Aufgabe, Missstände aufzudecken. Doch ebenso wenig verweigere er sich, gemeinsam mit der Arbeitgeberseite über zukunftsweisende Geschäftsmodelle nachzudenken, neue Zustellformen oder -techniken zu erproben. Der Briefmarkt stehe ja nicht still.

Betriebratswahl für uns (mit 4 gezeichneten Menschen). Gemeinsam für eine starke Vertretung. Mit ver.di-Logo ver.di

„Als Betriebsrat sind wir offen auch für Experimente, bereit, sie mit temporären Betriebsvereinbarungen zu unterstützen – solange es sozial gerecht zugeht und die Maßnahmen auch im Interesse der Beschäftigten liegen.“

Zur Betriebsratswahl im Mai tritt Robert Pinkus mit einer Liste aus ver.di-Mitgliedern und Sympathisanten an. „Es sind auch Neulinge dabei. Man kann nicht früh genug anfangen, Jüngere an die Hand zu nehmen…“

Rolf Bauermeister, Bereichsleiter Postdienste in ver.di

Rolf Baumeister
Foto/Grafik: Christian von Polentz

Betriebsratswahlen und die Arbeit der Betriebsräte

Fra­ge

Wel­ches wich­ti­ge Feld konn­ten die Be­triebs­rä­te in den letz­ten vier Jah­ren be­a­ckern?

Rolf Bau­er­meis­ter

Die Be­triebs­rä­te konn­ten durch den Ab­schluss von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen auf Grund­la­ge der von ver­.­di ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trä­ge den Zu­griff der Ar­beit­ge­ber auf die Be­schäf­tig­ten wirk­sam ein­gren­zen. Wäh­rend der durch Be­triebs­rä­te mit­be­stimm­ten Ar­beits­zei­ten in Ver­bin­dung mit den Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen gilt das Di­rek­ti­ons­recht des Ar­beit­ge­ber­s. Al­le an­de­ren Zei­ten sind dem Zu­griff ent­zo­gen und ge­hö­ren den Be­schäf­tig­ten. Wich­tig sind in die­sem Zu­sam­men­hang auch zum Bei­spiel Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen zum Ur­laub und zur Mit­be­stim­mung bei Über­zeit­ar­beit.

Fra­ge

Man darf ja viel­leicht auch ein­mal träu­men – was wünschst Du Dir für die Zu­kunft der Be­schäf­tig­ten bei der Deut­schen Post AG?

Rolf Bau­er­meis­ter

Mein Traum ge­gen Über­las­tung und für bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen ist sehr ein­fach: „100 Pro­zent ver­.­di-Mit­glied­schaft – de­mo­kra­ti­sche Weg­fest­le­gung in ver­.­di und dann mit al­ler Kraft vor­aus.“ Nur ge­schlos­sen in der Ach­se Be­schäf­tig­ter – Ver­trau­ens­leu­te – Be­triebs­rä­te – ver­.­di kön­nen wir ge­gen­über ei­nem stets ge­schlos­sen agie­ren­den Ar­beit­ge­ber er­folg­reich für gu­te Ar­beit sor­gen. Wenn wir wei­ter an die­sem Ziel ar­bei­ten, ist mir für die Zu­kunft der Be­schäf­tig­ten nicht ban­ge.